Dienstag, 11. Juni 2013

Wenn Idols auf Metal treffen...

... kommt eine ganz sonderbare Mischung zustande, die außerhalb Japans wohl meist für Stirnrunzeln sorgen dürfte, hierzulande dagegen perfekt ins Schema japanischer Unterhaltungskultur passt: Geht nicht, gibts nicht. Nach dem Motto, es wird gemacht, was gefällt. Und Geld bringt, natürlich...

Neulich bin ich ins Herz japanischer Unterhaltungskultur vorgestoßen, oder zumindest hat es sich so angefühlt. Neben den bekannten und klischeebeladenen Absonderlichkeiten wie Pachinko, Manga und Anime gibt es (neben vielen anderen) noch einen gigantischen Markt, der die japanischen Medien in vielen Bereichen bedient, und das sind die so genannten Idols. Um eine recht komplexe Geschichte kurz zu halten sei soviel erklärt, dass es sich bei Idols im Allgemeinen um ausgesprochen gutaussehende junge Frauen und Mädchen handelt, die überwiegend singend und modelnd auftreten und in japanischen Medien quasi onmipräsent sind, sei es in der Werbung, in Spielfilmen, auf Heft-Covers oder im CD-Regal. Der musikalische Bereich macht mit "Idol-Groups" einen Großteil der ganzen Idol-Welt aus. So gibt es unzählige Gruppen, die aus 3 bis hin zu 50 Mitgliedern oder mehr bestehen können, und in diesen Größenordnungen meist in weitere Untergruppen aufgeteilt sind, die dann entweder an einem fixen Ort oder tourend regelmäßig Konzerte geben. Die Musik wird dabei (mit Ausnahmen) meist simpel gehalten, mit fröhlichen, eingängigen Melodien und zuckersüßen Texten. So geht es bei Idol-Auftritten weniger um musikalische Raffinesse als vielmehr um die Show an sich, die sich über weite Teile um eine Gruppen- oder Massenchoreographie herum entfaltet.

So viel zur Theorie. Nun, was passiert, wenn man diese eigensinnige zuckersüße Pop-Welt mit etwas zusammenbringt, was damit eigentlich nichts zu tun hat? Metal zum Beispiel. Hört sich in diesem Stadium schon latent verstörend an. Was aber, wenn man statt "normaler" Idols für dieses Vorhaben auch noch ausgerechnet Kinder-Idols nimmt, und das ganze garniert mit musikalischer Experimentierfreude? Nun, das hier:

Quelle: http://www.youtube.com, Copyright: Toy's Factory


Die obengenannte unheilschwangere Kombination kulminiert derzeit in einer Band, die sich "Babymetal" nennt, bestehend aus 3 Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren. Angefangen hat das ganze als Untergruppe einer Kinder-Idol-Band und erhielt seinen offiziellen Namen erst im Frühjahr vergangenen Jahres. Nun, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir nicht dachte, als ich die Band entdeckt habe: "Die muss ich live sehen, komme was wolle!"
Ich habe ja schon viel Durchgenalltes gesehen, aber das führt derzeit meine Liste an, mit Abstand. Ich würde nochmal lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich es nicht ziemlich genial finde, auf die abgedrehte Art...

Aber der Reihe nach.

Ein kleines Problem stand da noch meinem Plan im Weg: Das Konzert in Osaka war restlos ausverkauft, und ich war ohne Ticket, was tun? Nach einigem Überlegen habe ich mich dazu entschlossen, als es auf den Konzerttermin zuging, an dem Tag dennoch auf gut Glück in die City zu fahren und mal zu schauen, was passiert. Gesagt, getan, und etwa eine Stunde vor Einlass am Veranstaltungsort gewesen. Und kaum eine Menschenseele da! Auf den Schreck, dass der Einlass schon vorbei sein könnte und ich wieder heimfahren kann, kam die Erkenntnis, dass letzteres erst noch stattfindet! Warum der Laden noch nicht völlig überrannt ist, hat einen Grund: Ab einer bestimmten Konzertgröße kommt in Japan ein Einlasssystem zum Einsatz, dass sich an der Ticketnummerierung orientiert. Sprich, je früher einer eine Karte kauft, desto niedriger dessen Ticketnummer, desto früher darf er die Konzerthalle betreten. Ziemlich praktisch, wie ich finde. So finden sich die Konzertbesucher auch erst kurz vor Einlass ein, früher da sein hat eh keinen Sinn.
Und tatsächlich, ich finde jemanden, der ein Ticket zu viel hat und es mir für den Originalpreis abdrückt! So habe ich also mein Abendprogramm, eine ziemlich niedrige Ticketnummer, und ein paar Gesprächspartner während des Einlasses, super ;)

Kaum Drinnen angekommen und recht weit vorne mittig platziert, komme ich mit einem meiner Steh-Nachbarn ins Gespräch, der erstmal so gar nicht ins Bild passt, abgesehen davon, dass er wie geschätzte 95% des Publikums auch männlich ist, wobei sich diese 95% großzügig über alle Altersklassen erstrecken... So steht er (Japaner) also neben mir mit Base-Cap, Nasenring, Fleshtunnels, Tattoos und einem Aborted-Shirt und wartet, dass es demnächst losgeht. Er erzählt mir davon, wie er vor ein oder zwei Jahren über England und einem Festival-Busshuttle-Service nach Wacken geflogen und gefahren ist, und vor einigen Jahren Flitterwochen in Norwegen gemacht hat. Ein überaus lässiger Typ also, der absolut perfekt ins Publikum aller anderen Konzerte, die ich so besuche passt.
Auf seine Frage, ob ich noch weitere Idol-Bands gut finde, muss ich leider verneinen. Auf meine Gegenfrage offenbart sich, dass er ein überaus großer Fan von Idol-Gruppen ist. Und von Death Metal... Damit hat er in dieser band vermutlich die ultimative Kombination gefunden.
Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass er meinen Konzertkumpel Toshihiro, den Zeichner, ebenfalls kennt. Letzterer, so habe ich dann erfahren, musste sein Shirtdesign, das er neulich für Babymetal entworfen hat (und der eigentlich für Kapellen mit solch illustren Namen wie "Dying Fetus" arbeitet), vor Druck noch entschärfen, da es wohl zu hart war. "Es seien ja noch kleine Mädchen", so sagt man mir. Welch schräger Moment...

Und dann geht es los. Wo im Moment zuvor noch alle brav mit angenehmen Abstand vor der Bühne standen und schwiegen, geht ein immenser Ruck durch die Menge, und ich finde mich vom einen Augenblick zum anderen gute 5 Meter weiter vorne. Um mich herum steigt die Euphorie, und der Druck fremder Körper, die mit aller Macht gen Bühne streben. Die drei Mädchen entern die Bühne, und die Show startet durch... Und ich versuche, das beste draus zu machen und schwimme in und mit der Menge. Es klappt... irgendwie.
Die Tour wurde im Vorfeld angekündigt mit "No MC, all metal", sprich, statt vom Band kommt die Musik tatsächlich von einer voll ausgerüsteten Metalband, die ihr Handwerk versteht. Nicht zur Metalband gehört der Gesang der Mädels, und ebendieser kommt dann leider, abgesehen von den Spontaneinlagen doch vom Band. Das tut dem Rausch der Menge keinen Abbruch, um mich herum werden die Mädels frenetisch abgefeiert, eine gute Stunde lang, dann ist der Spaß auch wieder vorbei. Man merkt sofort, der Auftritt ist hochprofessionell, die Mädchen sind trotz des jungen Alters bereits Meisterinnen ihres Faches und durch und durch Show-erprobt, da sitzt jeder Tanzschritt, jede Showeinlage, jede Zuschauerinteraktion.
Um kurz vor Acht verlassen die Band und die Mädchen die Bühne. Meine neue Konzertbekanntschaft liefert wieder die Begründung: Nach acht dürfen die Mädchen nicht mehr auftreten. Zu jung... da war er wieder, der schräge Moment.

Die Menge verläuft sich, jeder kauft noch schön CDs und Shirts, und macht sich auf den Heimweg. Draußen mache ich noch eine weitere leicht schräge Bekanntschaft: Ein offensichtlicher Nicht-Japaner mit Ziegenbart und roten Haaren steht leicht abwesend vor dem Eingang. Ein kurzes Anquatschen ergibt sofort die Gewissheit: Deutscher. Warum und wie lange er hier sei, kann ich ihm mit leichten Mühen entlocken, denn gesprächig ist er nicht allzu sehr. Für sechs Wochen, verrät er, und für Konzerte. Nur (!) für Konzerte. Der Gute ist am Vortag noch in Sapporo gewesen, was ja auch nur schlappe 1500 Kilometer entfernt ist, und fährt am Tag darauf weiter nach Hiroshima, was nochmal über 300 Kilometer macht. Und das macht er jeden Tag so, lässt er mich wissen. Nun gut...

Ich gehe heim mit einigen neuen (und alten) Erkenntnissen: 1.) Es lohnt sich, sich auf Schräge Sachen einzulassen, man weiß nie, ob man die Gelegenheit nochmal bekommt, so was mit eigenen Augen zu sehen. Noch ist die Kombination junge Mädels + Metal selbst in Japan (somit also auch weltweit) nicht nur außergewöhnlich, sondern absolut einzigartig. 2.) Japanische Innovationsfreude legt die Messlatte schwindelerregend hoch... und würde in so manchen Ländern an der Grenze des Machbaren rütteln. 3.) Die Idol-Welt ist eine wahre Geldmaschine. Es braucht ein paar hübsche Gesichter und ein lockendes Konzept, und man bekommt das Geld aus jeder beliebigen Zielgruppe gequetscht... aber ich bin schon ruhig ;)

Donnerstag, 16. Mai 2013

Wie viel Japan kann man in eine Woche quetschen?

Eine ganze Menge, musste ich feststellen! Die Devise: Mit Warmstart in einer Woche von Null auf Hundert...

Da bin ich also wieder, nach 24 Stunden Anreise, müde, aber mit einem Gefühl des endlich-wieder-da-seins. Nicht, dass es mir Zuhause nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil. Ich muss zugeben, nachdem ich von meinem letzten Japan-Aufenthalt wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin, bedurfte es einer gewissen Zeit, bis ich mich wieder wie "Zuhause" fühlte. Als es dann soweit war, hat sich dieser Begriff für mich über die Zeit doch merklich gewandelt. Plötzlich wird einem die Wichtigkeit bzw. Bedeutung gewisser Umstände und Gegebenheiten erst so richtig bewusst. Man könnte sagen, dieses Ausklinken aus dem alten Rahmen, und letztlich das wieder Einfügen in selbigen, gepaart mit den Erfahrungen der vergangenen Monate hat mich in meiner persönlichen Entwicklung ein ganzes Stück nach vorne katapultiert. Das war es letzlich auch, was ich mir damals wirklich ersehnte, das (zumindest kurzzeitig) völlige Rausgerissen-werden aus dem Umfeld, das man kennt, und ins völlig Unbekannte geworfen werden.


Nach 24 Stunden darf man auch schonmal fertig aussehen.


Diesmal ist das alles anders. Ich komme an und weiß sofort wo ich bin. Ich weiß, was ich zu tun habe, erstmal ab durch die Kontrollen, Gepäck schnappen, raus in die Empfangshalle. Wo mich auch schon mein privater Chauffeur in Form von Akane erwartet. Wo ich das letzte mal mutterseelenallein meinen Weg nach Ikoma suchen musste, steige ich dieses mal aus dem Flieger aus und weiß, dass mich viele wunderbare Freunde erwarten werden.

Als wir uns mit dem Auto auf den Weg machen ist es schon 22 Uhr durch, meine Anreise ging diesmal über Peking, wo ich gute 6 Stunden (inklusive Verspätung) warten musste. Entsprechend müde bin ich, und sehne mich nach einem Zimmer mit Dusche und einem Bett. Wir tauschen die Erlebnisse der letzten 8 Monate aus und lachen viel. Die gute Stunde Autofahrt durch die Gebäudemassen von Osaka genieße ich, und freue mich auf die erstmal nächsten 3 Monate hier.

Ich wohne diesmal wieder an der Uni, allerdings in einem anderen Gebäude. Akane fährt mich bis vor die Haustüre und verabschiedet sich bis in zwei Wochen, für sie ruft Amerika und der Job. Ich mache mich auf, mein Apartment zu besiedeln und erstmal die Dusche auf angenehme 48 Grad aufzudrehen. Und schlafe anschließend wie ein Stein ;)

Japanerinnen und ihre angeborene Aversion vor zu viel Sonne. Früher galt: Blass = reich. Denn wer reich war, musste nicht draußen in der Sonne schuften. Daher ist blendend weiße Haut auch heute noch Schönheitsideal.
Das "Garb" an der Uferpromenade.



Ganz unbeabsichtigt, aber sehr willkommen, bin ich genau in der "Golden Week" angekommen, der berühmten Woche mit den drei Feiertagen, wo ganz Japan in Freimach- und Reiselaune ist. Und auch ich nutze direkt die freie Zeit des schon begonnenen Wochenendes für einen Trip in die City, um mich mit einer Freundin zu treffen und mich wieder an japanisches Essen zu gewöhnen. Der Tag darauf ist Sonntag, und auch da gehts in die Stadt. Nach der Kirche gehen wir in einer kleinen Gruppe Nakanoshima (中之島, übers. in etwa "Insel, die in der Mitte verläuft") erkunden, einer Sandbank mitten in einem Seitenarm des Yodo-Flusses, der durch die Stadt fließt. Hier gibt es neben dem Rathaus der Stadt und vielen Geschäftsgebäuden auch zahlreiche Möglichkeiten zu Essen und zu entspannen. Wir sehen, wie gerade die Reste eines kleinen Festes beseitigt werden und entschließen uns, das "Garb" auszuprobieren, ein Restaurant, das zu einer kleinen Kette in Japan gehört und überwiegend westliches Essen anbietet. Bei frühlingshaften Temperaturen und Sonnenuntergang sitzt es sich besonders gut draußen.



Der Sonnenuntergang auf Nakanoshima war wie aus dem Bilderbuch. Rechts unten: Osaka bei Nacht. Das große Gebäude ist das "Osaka Sky Building" im Stadteil Umeda. Beliebt für Panoramaschnappschüsse.



Montag, Feiertag, und schon ganze 3 Tage wieder im Land. Wird langsam Zeit für ein Konzert, fand ich. Und da hat sich das "Brutal Golden Massacre" direkt angeboten. Naja, direkt ist ein bisschen übertrieben, das Ticket habe ich mir schon von Deutschland aus hinterlegen lassen ;) Also auf ein Neues in die Stadt! Der Gig steigt im supergemütlichen "Hokage", mitten im Herzen von Amerika-Mura (des eigentlich eher zu Unrecht so betitelten Stadtteils) wo sich alles trifft was jung und hip ist. Das Hokage ist im ersten und zweiten Untergeschoss eines Hauses, in dem sich noch mindestens ein weiterer Konzertschuppen befindet. Da ich schon früher hier war, wusste ich, wo es hingeht. Nur die "Größe" habe ich dann wohl doch etwas verdrängt. Viel mehr als etwa 30 Leute passen nicht in den Konzertraum, Band miteingerechnet, versteht sich... Als ich ankomme, ist eine Band auch schon ordentlich am Schreddern. Nach dem ersten Auftritt treffe ich meinen alten Konzertkumpel Toshihiro, den Zeichner wieder. Mit ihm unterhalte ich mich den ganzen Abend immer wieder, überwiegend auf Japanisch. Und ich bin irgendwann dann selbst sehr erstaunt, dass es immer wieder Themen gibt, zu denen ich mich artikulieren kann, ohne auf Englisch oder Hände und Füße umsteigen zu müssen. Um ganz ehrlich zu sein, als ich daheim war, war ich was das Lernen angeht ausgesprochen sparsam. Bis auf einige Male Vokabeln lernen und mit meiner ehemaligen Japanischlehrerin treffen war da nicht viel Aktivität. Mein Gehirn muss die Zeit wohl genutzt haben, heimlich im Hintergrund weiterzuarbeiten, ohne mich darüber zu informieren ;)


Links: Die Bar des Hokage. Hier landet jeder mindestens ein mal am Abend: Zum Eintritt gehört bei jedem japanischen Konzert der Kauf einer Getränkemarke. Rechts: GxSxD, die japanische Variante von Vader.


Links: Blunt Force Trauma. Viel größer als das was man auf dem Bild sieht, ist der Konzertraum nicht! Rechts: Abschlussbild mit dem Drummer von Infernal Revulsion, einer wahren Institution im japanischen Death Metal.


Der Abend macht viel Spaß, und unter den 8 gesehenen Bands gab es nicht nur eine positive Überraschung. Die letzte Band, wegen der ich vornehmlich hier war, verabschiedete mit diesem letzten Kansai-Gig ihren Drummer, der in Bälde nach Toronto ziehen wird. Nach weiteren Unterhaltungen nehme ich den "last train" mit der Tasche voll neuer CDs und hau' mich zufrieden aufs Ohr.

Der Dienstag wurde dann also mein erster Arbeitstag. Das letzte mal noch als Student am NAIST, bin ich dieses mal "Visiting Researcher". Ein gutes Gefühl :) So manches Gesicht ist aber leider nicht mehr im Lab anzutreffen, da viele nach ihrem Abschluss direkt in den Beruf gewechselt sind. Von den Alteingesessenen haben sich dennoch ein paar dafür entschieden, einen PhD (Doktor) draufzusetzen. Und auch die letztjährigen Neueinsteiger sind alle noch da. Meinen Platz habe ich neben Shimizu-kun, der das letzte mal zu einem meiner engsten Studienkollegen hier wurde. Mit ihm und weiteren Leuten, u.a. einem weiteren deutschen aus Karlsruhe, der hier gerade seine Masterarbeit schreibt, geht es dann in der gleichen Woche auch direkt ins Onsen. Diese Wohltat habe ich echt vermisst ;)