Donnerstag, 31. Mai 2012

Mit den Füßen voran...

(...durch Buddhas Nasenloch! Solcher und weiterer Kuriositäten Augenzeuge kann man in Naras Todaiji werden, oder wer will, es selbst einmal ausprobieren ^^)

[Besuch & Golden Week, Tag 2], Nachtrag 27. April

Am nächsten Tag ging es also richtig los. Nach einem gemütlichen Frühstück ging es bei strahlendem Sonnenschein und fast schon etwas zu großer Hitze los zum Bahnhof und ab nach Nara. Diese Stadt hat ja auch bei mir den ersten richtigen "Aha!"-Effekt ausgelöst, und so dachte ich mir, mit diesem bedeutungsschwangeren Ort anzufangen, ist eine ganz gute Idee.

Die Präfektur (und damit auch die Stadt) Nara kann man getrost als Wiege der japanischen Kultur ansehen, denn hier hat sich so ziemlich alles, was Japan heute kulturell und traditionell auszeichnet, herauskristallisiert. Diesem Gebiet, das (ganz ganz) früher als die Provinz Yamato bekannt war, entstammt wohl auch die Linie des heutigen Tennō, also des japanischen Kaisers.
Das gesamte Gebiet sowie umliegende Teile, eingeschlossen Kyoto, steht heute sinnbildlich für alles, was traditionell, was ur-japanisch ist. Erkennbar ist das schon auf den ersten Blick an den unzähligen alten, erhabenen Bauten, die es in diesen Städten geradezu im Überfluss zu bestaunen gibt.
Nara ist auch deshalb ein ganz guter Einstieg in japanische Kultur, da man hier nicht sofort erschlagen wird von Eindrücken. Hier geht es alles in allem etwas ruhiger zu, alles ist etwas weniger gedrungen, die viele Natur lockert das Stadtbild erheblich auf. Gerade auch zu Beginn einer goldenen Woche ist das von Vorteil :)

Links: Ein erstes Gruppenfoto unter den letzten Überbleibseln der Blütenzeit. Rechts: Die Pagode des Kofuku-ji, mit dem "Aha"-Effekt ;)

Eines der vielen Gebäude, die zu dieser Anlage gehören. Nebenan betreiben einige Mönche einen Souvenirverkauf, und schütten zwischenzeitlich auch mal gerne volle Wassereimer auf den Weg ;)


Was unseren groß angelegten Rundgang angeht, habe ich mich eng an die Strecke gehalten, die Matsuda-san bereits mit mir gelaufen ist. Am Beginn dieser Tour steht der Kofukuji (jap. -ji (~寺), "Tempel"), oder besser gesagt, dessen große, fünfstöckige Pagode. Der eigentliche Tempel wird aufgrund umfangreicher Renovierungsarbeiten für die nächsten Jahre verhüllt bleiben. Neben mit Wassereimern um sich schwenkenden Mönchen und dutzenden Schülern, die einen ihrer zahlreichen Ausflüge machen, finden wir hier auch gleich wieder die Nara-Hirsche vor, die sich ganz routiniert von den Touris (nicht von uns ^^) füttern und knipsen lassen.
Das letzte mal hatte ich ja keine Kamera dabei, und so war für mich an diesem Tag die Gelegenheit, einiges an Pflichtschnappschüssen abzuarbeiten, und in diese Kategorie fällt insbesondere der Blick von einem nahe gelegenen See aus auf die Pagode:

Ein absolutes Muss ist ein Bild am See, mit der Pagode im Hintergrund!

Die Tiere fühlen sich hier wohl: Küssende Schildkröten und eine Taube, deren Zwischenhalt auf dem Panzer lässig geduldet wird...

Auf dem Weg zum Pavillon im See, durch die schmalen Gassen Nara-machis...

... und durch den Hirschpark, vorbei an unzähligen Schulklassen.


Dass wir an diesem See direkt von einem sehr kommunikationsfreudigen Japaner auf (vermutlich) plattestem Kansai-Dialekt berieselt werden, während er sich bei seinen Ausführungen über essbare und nicht essbare Fische - im See schwimmen einige sehr beeindruckende Koi - regelmäßig wegschmeißt vor lachen, soll sinnbildlich stehen für die Aufgeschlossenheit, dessen Ziel wir in unserer kleinen Ausländergruppe die nächsten Tage über werden. Besonders in meinem Unistädtchen stellt so eine Gruppe an Westlern, die fast täglich den Supermarkt durchschlendert, eine gewisse Ausnahmesituation dar, und das ist keineswegs nur eingebildet, denn den Vorher-Nachher-Vergleich konnte und kann ich durch meinen längeren Aufenthalt dann ja ganz gut ziehen :)

Am Pavillon, einem der schönsten Plätze, die ich bisher gesehen habe. An diesem Tag war auch ich das erste mal im Pavillon, an meinen vorherigen Besuchen hatte ich seltsamerweise nie Zeit dafür ^^


Weiter geht unser Spaziergang durch den alten Stadtteil Naras, vorbei an unzähligen schmalen Gässchen und alten typisch japanischen Wohnhäusern Richtung des Pavillons, der im See steht, und weiter durch den eigentlichen Hirsch-Park. Unser großes Tagesziel befindet sich im nördlichen Teil des Parks, der Todaiji, der gigantische Tempel, den ich auch bei einem meiner ersten Trips nach Nara von außen bestaunt habe, aber leider keine Zeit mehr hatte, ihn auch von innen zu sehen. Das steht heute natürlich auf dem Plan! Das letzte mal habe ich die gewaltigen Ausmaße dieses Bauwerks genannt, heute kommt noch ein weiterer Rekord dazu: Im Inneren des Todaiji befindet sich der Daibutsu (大仏, "Großer Buddha"), und der hat seinen Namen wahrlich verdient: Der Daibutsu ist mit 15-16 Metern die größte sitzende Buddha-Statue in ganz Japan, ist ganz aus Bronze gegossen und wiegt mehrere hundert Tonnen. Um den großen Buddha herum "schweben" kleinere Buddhas, die eine Besonderheit aufweisen: Sie sehen aus der Boden-Perspektive alle exakt gleich groß aus, sind es aber nicht: Die kleinen Buddhas sind zwischen 1,5 und 3 Meter groß und so angeordnet, dass die perspektivische Verzerrung das Auge perfekt austrickst.

Links: Vor dem alten Eingangstor, das den großen Tempel würdig ankündigt. Rechts: Der Todaiji vom Innenbereich aus gesehen.

Das Gruppenbild musste sein, wie oft steht man schon vor so einem Monument?

Links: Der Daibutsu in Nahaufnahme. Rechts: Eines von mehreren Zierplatten, die den Sockel des Buddha umrandeten. Da der Tempel und der Buddha im Laufe der Zeit mehrfach stark beschädigt oder sogar zerstört wurden, hat man irgendwann darauf verzichet, die Platten wieder anzubringen. So kann man die Geschichten-erzählenden Bildnisse heute ganz aus der Nähe betrachten.

Jeglicher Größenvergleich scheitert leider am limitierten Format eines Kamerabildes. Kurz gesagt: Sieht man den großen Buddha nicht mit eigenen Augen, kann man sich gar nicht vorstellen, wie gigantisch die Statue in Wirklichkeit ist! Rechts fallen die kleinen Buddha auf, die gleichgroß wirken, es aber gar nicht sind...

Links: Links und rechts neben dem Daibutsu sitzen noch zwei weitere mittelgroße Buddhastatuen. Rechts: (Vermutlich) eine Wächterstatue, oder weitere Gottheit.

Ein klein bisschen Geschick braucht man schon, um durch Buddhas Nasenloch in einer der Säulen hindurch zu passen. ;)


Ist man auf der Suche nach Glück und Glückseligkeit oder hat einen Wunsch auf dem Herzen, so kann man sich im Todaiji durch Buddhas Nasenloch zwängen. Damit ist nicht das sprichwörtliche Nasenloch gemeint, sondern ein Loch in einer Holzsäule, das die gleichen Ausmaße annimmt wie die äußeren Atemwege des Daibutsu. Und das versuchen ausgesprochen viele Besucher. Eigentlich fast zu jedem Zeitpunkt versucht gerade irgendjemand, auf seine mehr oder weniger eigene Art durch das Loch zu schlüpfen. Nadjas und meine Taktik: Mit den Füßen zuerst! Und das klappt wunderbar :) So wunderbar, dass zwei ältere japanische Frauen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen und es am liebsten nochmal sehen würden. Eine der beiden Damen war ab einem gewissen Punkt dann so motiviert, es doch glatt selbst mal zu versuchen, aber das hat dann leider doch nicht mehr so ganz geklappt :)

Berührt man eine Stelle der Figur und danach die gleiche Stelle am eigenen Körper, so sollen alle Krankheiten aus dieser Partie weichen...


Und selbst beim Verlassen des großen Tempels hat man noch Gelegenheit sich um das ein oder andere Gebrechen zu kümmern: Neben einem der Ausgangstore hat sich die Holzstatue eines buddhistischen Heiligen niedergelassen. Dieser Heilige hat sich zu Lebzeiten angeblich mit den eher dunklen Künsten befasst und darf deshalb nicht im Tempel verweilen. Man sagt, wenn man ein Körperteil der Figur berührt und dann am eigenen Körper die gleiche Stelle, so wird diese Körperpartie von allem Leiden befreit...

Weitere Erkenntnisse des Tages waren:

Wenn Bäume im Weg stehen, baut man einfach außen herum, statt sie zu fällen...

... als Autofahrer braucht man nicht unbedingt Angst vor Ausparkunfällen haben, und: Japanische Handwerker sehen das mit der Fahrsicherheit manchmal nicht ganz so eng...


Ein Eindrucks-reicher Tag geht mit schmerzenden Füßen zu Ende, mein Sold ist also getan ;) Morgen steht Kyoto auf dem Plan. Im Vergleich dazu war Nara nur zum Warmwerden...

Donnerstag, 24. Mai 2012

Ich will doch einfach nur Fleisch und Nudeln!

(So erschallte ein Ruf mit bekannter Stimme nach vertrauenswürdigem Essen im Angesicht der vielen unbekannten Plastik-Gerichte im Schaufenster japanischer Restaurants. Ganz praktisch hieß das: Frontalunterricht in fernöstlicher Küche, die mal nichts mit "Ente süß-sauer" zu tun hat. Mit gutem Ausgang ^^)

[Besuch & Golden Week, Tag 1], Nachtrag 26. April

Zum Monatswechsel April-Mai standen einige ganz besondere Termine an: Die "Golden Week", also die goldene Woche, und die hat ihren Namen verdient, vor allem im Kontext japanischer Arbeitsprinzipien. Unter dieser Woche versteht man einen ganz bestimmten Zeitraum, in den sage und schreibe vier gesetzliche Feiertage fallen: Der Shōwa-Tag (Geburtstag des alten Kaisers), der Tag der Verfassung, der Volksfeiertag und der Kindertag.
Diese Zeit des Jahres wird von Japanern gerne dafür verwendet, mal längere Urlaube im Aus- und Inland zu machen, also gut und gerne auch mal bis zu einer vollen Woche! Das ist in der Tat sehr viel Urlaub für die allermeisten. Japanische Arbeitsmoral gebietet es im Allgemeinen, selten und wenig Urlaub zu nehmen, denn den Kollegen "im Stich zu lassen" gehört sich nicht. Hier gibt es also die staatlich gestützte Legitimation, auch mal länger auszuspannen. So ist also in dieser Woche sprichwörtlich halb Japan auf den Beinen, Hotels sind bereits Wochen im Voraus völlig ausgebucht, Reisen in Fernzügen und -bussen sollte man ebenfalls lange vorher gebucht und gut geplant haben. Sehenswürdigkeiten und von Natur aus besucheranziehende Orte sind zwangsläufig überlaufen von Menschenmassen. Wenn das mal kein guter Zeitpunkt ist, ein paar Asien-unerfahrene Deutsche einfliegen zu lassen :P

26. April, der Wecker klingelt. Die Anzeige schreit mir ins Gesicht: 5 Uhr 40 (in Worten: fünf Uhr vierzig!). An nochmal Umdrehen ist nicht zu denken, in wenigen Stunden setzt eine Air-France-Maschine mit meinen drei Gästen für die nächsten acht Tage auf dem Rollfeld des Kansai International Airport auf. Mit im Gepäck des "Rosinenbombers" aus Paris ist ein Carepaket, gefüllt nur mit dem Allernötigsten zum Überleben in der Ferne: Nutella, Milka, Haribo, ... ok ok, nicht dass man das hier nicht bekommen würde, aber wenn man schon mal die Chance auf Hauslieferung hat... ;)
Nach einem starken Kaffee gehts also los, zurück auf die künstliche Insel, auf der ich vor keinen zwei Monaten auch den ersten Fuß auf japanischen Boden gesetzt habe. Die Maschine aus Frankreich hat ein bisschen Verspätung, was die Rückfahrt mit dem Bus gleich schonmal etwas durcheinanderbringen wird. Nach einer guten dreiviertel Stunde Warten am Ausgang für die Ankünfte tauchen sie auf, meine Gäste: Mama, Matthias und Nadja. Der Spaß kann losgehen, würde ich sagen!

Einige Tage zuvor führte ich ein Gespräch über Kulturschocks, und während des Gesprächs musste ich feststellen und zugeben, dass für mich ein solcher eigentlich größtenteils ausgeblieben ist, abgesehen vielleicht von dem ereignisreichen ersten Tag, der direkt im Kaiten-zushi endete. Generell fiel mir die Eingewöhnung doch recht leicht, wobei ich natürlich bereits vor meiner Anreise schon ganz gut informiert war. Und so konnte ich es mir in den Tagen dann doch nicht so ganz verkneifen, den ein oder anderen Kulturschock zu provozieren, um das Phänomen wenigstens von Außen zu sehen, und dafür eignete sich die Goldene Woche dann auch ganz hervorragend! Letzten Endes lag es dann auch gar nicht in meiner Hand und so stellten die sich ganz automatisch ein mit all den Ausflügen, fast immer begleitet von wahren Menschenscharen.
Voller Tatendrang ging es zwischen Ankunft und Weiterfahrt mit dem Bus dann auch direkt in die Restaurant-Etage des Flughafens, Frühstück suchen. Zum Leidwesen eines Großteils meiner Gäste sah das japanische Essen in den Schaufenstern leider nicht aus wie "Bami Goreng" oder "Chop Suey". Die Suche nach einem geeigneten ersten Mahl endete dann im Soba-Restaurant (蕎麦, Nudeln aus Buchweizen). Dieser wichtige Schritt war also geschafft, das erste Essen für tauglich befunden, auch wenn ich mit meinem (auch für mich ersten) Fischfrühstück etwas irritiert habe.
Die Busfahrt und die nachfolgenden Stunden wurden zur Erholung verwendet, allerdings nicht für mich. Ich hatte nach unserer Ankunft an der Uni noch ein Meeting zu besuchen. Der Abend des ersten Tages wurde dem Einkaufen von Proviant für die nächsten Tage gewidmet - meine Gäste sind wie ich im Gästehaus der Uni untergebracht und verfügen somit über Kühlschrank, Elektroherd und andere Annehmlichkeiten - und dem Besuchen eines Restaurants ganz anderen Kalibers als der Flughafenlokalität. Auf Empfehlung haben wir uns ins "Saint Marc's" begeben, einem wie der Name schon verrät sehr westlich geprägten Restaurant. Das war damit also das krasse Gegenprogramm zum Morgen: Statt japanischer Spezialitäten gab es hier Altbekanntes aller Art, nur zu deutlich höheren Preisen ;) Nicht weiter schlimm, denn das Essen war wirklich gut und vielleicht genau die richtige Wahl, um den ersten Tag ausklingen zu lassen.

Die Schonfrist ist ja noch früh genug vorbei, am nächsten Tag soll es dann richtig japanisch werden: Nara steht auf dem Plan, urjapanischer kann es nicht werden...

Dienstag, 15. Mai 2012

雪のように、wie Schnee... (Teil 3/3)

(Wenn die Kirschblütenzeit ihr Ende erreicht und die Äste von den Frühlings-Windböen erfasst werden, beginnt der Hana-arashi (花嵐), der Blütensturm. Dann sieht sieht es tatsächlich aus wie Schnee, wenn Millionen weißer Blütenblätter durch die Luft getragen werden...)

[Teil 3/3]

Das Besuchen des Gebietes Yoshino im Süden der Präfektur Nara gehört zur Königsdisziplin der Kirschblütenschau. Das beweist nicht nur die Tatsache, dass die bekannteste japanische Kirschbaumart sich den Namen mit diesem Ort teilt. Bereits in Deutschland wurde mir von meiner Japanischlehrerin ausdrücklich empfohlen, Yoshino in der Kirschblütenzeit zu besuchen, und so verspürte ich auch ein starkes Pflichtgefühl, dieser Empfehlung nachzukommen. Leider musste ich mich am Ende dann doch allein auf die 2-Stündige Reise nach Süd-Nara begeben, denn die Wettervorhersage hat der Gesamtplanung einen Strich durch die Rechnung gemacht: Anstatt im Rahmen eines gemeinsamen Ausflugs am dritten Aprilwochenende habe ich mich nun also noch unter der Woche mit offizieller Erlaubnis meines Professors alleine auf den Weg gemacht ;)
Bepackt mit Rucksack, Regenschirm, Verpflegung und reichlich Kartenmaterial (aber ohne Wanderschuhe) ging es morgens los Richtung Bahnhof und ab mit dem Express nach Yoshino, vorsichtshalber habe ich mich auf alle Eventualitäten vorbereitet...

Noch im Zug auf dem letzten Abschnitt werde ich ein weiteres Mal bestätigt, dass es keine gute Idee gewesen wäre, den Ausflug nicht zu machen: Mittlerweile ja schon Routine, werde ich von einer japanischen Frau auf (gutem) Englisch angesprochen mit der Frage, ob sie sich denn mit mir unterhalten dürfe. Natürlich darf sie das ;) Und so erfährt sie nicht nur von mir, warum ich nach Yoshino will, sondern ich von ihr, dass sie die gleichen Planänderungen vorgenommen hat wie ich. Mit dem Unterschied, dass sie ihre Reise in Tokyo begonnen hat! Ursprünglich aus Osaka stammend, lebt sie nun im mehr als 500 km entfernten Kanto-Großraum. Doch für die Kirschblütenschau in Yoshino fährt sie jedes Jahr zurück in die alte Heimat, hat sie mich wissen lassen. Doch ich erfahre noch viel mehr: Anfang der 1980er Jahre lebte sie, bedingt durch den Beruf ihres Mannes, für 3 Jahre im europäischen Ausland. Nicht in irgendeinem Land, nein, zu meinem Erstaunen war es die Tschechoslowakei... nicht unbedingt das erste Land, an das man als Wahlheimat eines japanischen Paares denken würde.  Bedingt durch die Nähe zu Deutschland und den Mangel an Allem in ihrer temporären Heimat, machte sie sich in dieser Zeit oft auf den Weg über die Grenze, in ein kleines Städtchen namens Weiden, um dort im Westen zu kaufen, was es sonst im Osten nicht gab. An ihren Erzählungen fällt mir auf, dass sie auch heute noch zwischen Ost- und Westdeutschland unterscheidet. Und das war dann auch das bei weitem Faszinierendste an unserer Unterhaltung: Meine Gesprächspartnerin war nach der Rückkehr in ihre Heimat - im Gegensatz zu ihrem Mann - nie wieder in Deutschland. Sie hat die vielen Veränderungen, die es in den letzten fast 35 Jahren gab, nie mit eigenen Augen gesehen, und so existiert in ihrem Kopf immer noch weitestgehend das Deutschland aus den frühen 80er Jahren. Ein ziemlich verrückter Gedanke, wie ich finde!
Sie hat mir verraten, eines Tages nochmal nach Deutschland reisen zu wollen, und am allerliebsten das Weiden von Heute sehen zu wollen, ob es immer noch Ähnlichkeit zu Damals hat...
Kurz vor unserem Halt wünscht sie mir eine gute Reise, und macht sich selbst auf den Weg ihrer alljährlichen Kirschblütenschau.

Oder sollte ich sagen, Wanderung? Dass der Tag mit viel Laufen verbracht werden würde, wusste ich schon vorher und habe ich auch absichtlich so geplant. Yoshino ist ein sehr hügeliges, bewaldetes Gebiet. Die Endstation Yoshinoyama ("Yoshino-Berg") befindet sich am Eingang eines kleinen Städtchens oder eher Dörfchens, durch welches sich der Hauptweg schlängelt, auf dem sich die Touristen durch das Tal zwischen den mit Kirschblütenbäumen bewaldeten Hügeln bewegen. Der Weg durch das Dorf ist fast durchgehend flankiert mit Souvenir- und Handwerksläden und Restaurants. Viel interessanter sind jedoch die unzähligen Tempel und Schreine, die sich in diesem Gebiet und vor allem entlang des Weges, der einen im Übrigen zu einem der höchsten Punkte dieses Areals führt, befinden. Da ich mich an diesem Tag nicht mit Unvollständigkeiten abgeben wollte und mir das volle Programm geben wollte, entschied ich mich dazu, bis zu diesem Punkt zu kommen und den Schrein auf der Spitze mit eigenen Augen zu sehen ;) Das ist alles in allem auch gar kein Problem, denn weitere Strecken lassen sich hier bequem entweder mit Seilbahn oder Busverbindungen überbrücken.

Links: Die Seilbahn, die mich von der Endstation hinauf zum Beginn des Dorfes bringt, durch das sich der Weg für die Touristenscharen schlängelt. Rechts: Die Kirschblüten sind bereits im Dorf überall zu bewundern.

Die Wege sind gesäumt von allerlei Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten, ...

... die Hauptattraktionen neben den Kirschblüten sind aber natürlich die zahlreichen Tempel und Schreine überall entlang des Weges und verteilt in den verschiedensten Winkeln des Dorfes.

Da auf den schmalen Wegen teilweise auch Autos verkehren, wird es bei den Scharen an Touristen zeitweise ziemlich eng.

Vor Tempel- und Schreineingängen werden gerne Schnappschüsse gemacht, ganz besonders dann, wenn der Wind gerade wieder ein paar der Blüten fallen lässt.

Um die obligatorischen Touri-Schnappschüsse bin ich gar nicht herumgekommen, sobald man sich etwas länger vor einer guten Szene aufhält, wird man automatisch gefragt, ob man ein Bild machen soll ;)

Der buddhistische Tempel Kinpusen-ji inmitten des Dorfes ist seit 2004 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.


Das mit der Seilbahn hat auch ganz gut funktioniert: Kurz nach dem Bahnhof findet man eine kleine Seilbahnstation, die einen bis zu besagtem Dorf transportiert. Von dort aus kann man sich zu Fuß aufmachen und durch die Gassen, vorbei an den Verkaufsständen und Schreinen schlendern. Will man noch höher hinaus, sollte man die nahegelegene zentrale Bushaltestelle aufsuchen, die eine Verbindung zu höheren Punkten anbietet. Dieser Service wird generell stark in Anspruch genommen, denn höher hinaus wollen fast alle. Die Kirschblüten sind zwar schon im Dorf zahlreich zu bewundern, doch um die berühmten von Kirschblüten überzogenen Hänge zu sehen, muss man höher gelegene Punkte aufsuchen.

Tja... leider habe ich es nicht so ganz hinbekommen, das mit dem Bus auf die Reihe zu kriegen. ;) Nachdem ich zwei oder drei mal nach der Haltestelle gefragt habe, und jedes mal in eine andere Richtung geschickt wurde, dann schließlich doch an der vermutlich Richtigen stand, und nach weiterem Nachfragen doch wieder woanders hingeschickt wurde, hab ich mich kurzerhand für den Gipfelsturm per Pedes entschieden! Auf der Karte sieht das auch gar nicht soo weit aus ;)

Tja, ab hier sollen die Bilder meiner kleinen großen Wandertour durch Yoshino weitererzählen:

Links: Eines der begehrtesten Ausblicke in Yoshino, die mit weiß-rosanen Blüten überzogenen Hänge der umgebenden Hügel. Rechts: Die Touristenscharen aus der Beobachterperspektive...

Links: Rituelles Händewaschen an einem der Tempel etwas abseits des Weges. Rechts: Inmitten des Blütensturms...

... der für eine kurze Zeit die Landschaft komplett verändert. Man findet sich in einer unwirklichen, unglaublich schönen Szenerie wieder, die mit Bildern gar nicht einzufangen ist!

Rings um mich brechen Menschen in Jubelrufe aus, ich höre überall nur noch きれい und すごい (kirei, "schön!" und sugoi, "wundervoll!") ^^

Der Blütensturm hält für einige Minuten an, währenddessen die Blütenblätter gar kein Ende zu nehmen scheinen... 

... und man sich irgendwann tatsächlich vorkommt, als stünde man im Schneesturm, mitten im Frühling.

In den etwas höher gelegenen Bereichen postieren sich die Profis mit ihren Teleobjektiven, ...

... während ich mich an ein paar Panoramaschüssen versucht habe.


Rechts ist so ein klassisches Motiv, für das die Hobbyfotografen beachtliche Mengen an Ausrüstung die Hügel hochschleppen.


Viele der Tempel und Schreine schaue ich mir ebenfalls genauer an, die mit Blüten geschmückt sicher nochmal ganz anders wirken als sonst.

Eine der Belohnungen für den langen "Aufstieg": Das trüber werdende Wetter verzaubert die weite Landschaft nochmal auf ganz andere wundervolle Weise.

Der Schrein auf dem "Gipfel" der höchsten Erhöhung am Ende des Weges. Ihn wollte ich am Ende des Tages mit eigenen Augen sehen, alles andere hätte mich geärgert ;)

Abseits des Weges, etwas unterhalb des Schreins befindet sich ein großer Aussichtspavillon, von dem aus man über das gesamte Tal blicken kann. 

Auch auf dem Rückweg sind die Blüten noch zu bestaunen, während sich die Straßen langsam leeren, die Läden zu machen und sich kurz vor meiner Abfahrt so die Wolkendecke endgültig zuzieht und der beginnende Regen die Kirschblütenzeit beenden wird.


Am Ende dieses Tages habe ich für mich selbst mal die Bilanz gezogen: Ich bin hin und zurück 3,5 Stunden im Zug gesessen, habe in 7 Stunden gute 10,5 km und 600 Höhenmeter zu Fuß zurückgelegt, und alles in allem etwa 300 Bilder geschossen. Ich glaube, ich kann guten Rechts behaupten, den Tag ganz gut genutzt zu haben ^^

Der Yoshino-Ausflug hat dann auch für mich das Ende meiner ersten Kirschblütenzeit markiert, und das in der vermutlich majestätischsten Form...