Sonntag, 1. Juli 2012

Ob man Sushi wohl schälen kann?

(nein, nicht wirklich, wie sich im Kaitenzushi in Osaka für den einen oder anderen Rohfischneuling herausstellte. Aller Anfang ist schwer, aber es meistens auch wert, gemacht zu werden.)

[Besuch & Golden Week, Tag 7-8], Nachtrag 02.-03. Mai

Die letzten beiden Tage haben wir in Osaka, genauer gesagt in Den-Den-Town, und Nara verbracht. Ersteres lässt sich mit "Elektrostadt" übersetzen, und ist das Osakaer Gegenstück zum Elektro-, Manga- und Anime-Viertel Akihabara in Tokyo. D.h. hier bekommt man so ziemlich alles, was Otakuherzen (Otaku, "Freak/Nerd/Geek/obsessiver Fan/...") höher schlagen lässt. Den-Den-Town ist eine riesige Ansammlung von Elektronikgeschäften aller Art, vom Kabel- und Ersatzteileladen über kleine Second-Hand-Shops bis hin zu riesigen mehrstöckigen Elektro-Allroundern, Spielehöllen, Manga-, Anime- und Erotikshops findet sich alles vorstellbare, und auch Dinge, an die man vielleicht zu Lebzeiten nicht gedacht hätte. Unsere Tour war dabei eher ungezielt und so sind wir auf gut Glück durch verschiedenste Läden zur Schnäppchenjagd gestreift, nur um mit dem Fazit weiter gen Shinsaibashi zu ziehen, dass es zwar durchaus möglich, es oft aber gar nicht so einfach ist, viel günstiger als Zuhause wegzukommen.
In Shinsaibashi waren wir shoppingtechnisch insgesamt erfolgreicher, haben aber auch die ein oder andere, teils sehr kuriose Entdeckung gemacht. Mit Abstand die verstörendste Entdeckung war ein Laden, mitten in einer der meist-frequentiertesten Einkaufsstraßen Osakas, welches in seinem Schaufenster, neben Outdoor-Ausrüstung, Camouflage-Hosen und Bundeswehr-Shirts auch solche Nettigkeiten wie SS-Uniformen in voller Ausstattung ausstellte... Nicht die Uniformen waren dabei das Interessanteste, sondern die Reaktionen darauf. Als - ich würde mal sagen - nicht Unbelasteter bezüglich dieser Thematik durchfährt einen doch im ersten Moment ein Schrecken. Ich für meinen Teil konnte mir nach dieser Schrecksekunde ein Lachen dann aber doch nicht verkneifen: Man muss sich in so einem Fall denke ich auch bewusst machen, dass Menschen, die nicht in Deutschland sozialisiert wurden, einen völlig anderen Bezug zu solcher Symbolik haben. Ob da nun der deutsche Bundesadler, ein amerikanisches Fallschirmjägerabzeichen, oder die rote Armbinde an der Uniform prangt, mag für die riesige Besuchermasse, die hier täglich direkt an den Schaufenstern vorbeikommt wohl erstmal keine große Bedeutung haben. Eine Uniform scheint erstmal einfach nur eine Uniform zu sein. Dennoch, ein leicht fahler Beigeschmack bleibt übrig... Ob Prinz Harry hier für seine Partyoutfits Ausschau hält? Man weiß es nicht...

Links: Entlang des Dotonbori-Kanals. Rechts: Überdimensionierte Werbung der Asahi-Brauerei, neben Kirin die größte des Landes. 

Links: Der Glico-Runner, Kultfigur und Fotoziel vieler Touristen. Glico ist ein japanischer Traditions-Süßigkeitenhersteller, der unter anderem Pocky (bei uns bekannt als Mikado) produziert, ein absoluter Dauerbrenner, auch bei mir ;) Rechts: Im Kaitenzushi. Einige Sezierexperimente schlugen kläglich fehl ;)

Vor dem berühmten ersten Kaitenzushi Japans, ...

... das ordnungsgemäß (die große bewegliche Riesenkrabbe ist nicht weit von hier) mit einem überdimensionierten Sushi-Exemplar auf sich aufmerksam macht.


Nach einem ausgiebigen Shoppingtag wurde es dann doch noch ein wenig Kulturell: Ganz in der Nähe der vielen Einkaufsstraßen, direkt am Dōtonbori-Kanal gelegen findet man eine kleine Besonderheit, das erste Kaitenzushi-Restaurant Japans und damit auch der Welt. Das "Mawaru Genroku Sushi" wurde 1958 eröffnet und serviert heute nach wie vor Sushi auf den berühmten Laufbändern, wie man sie heute überall in Japan findet, und das sogar noch zu einem sehr guten Preis, ganz ungeachtet der Berühmtheit dieses Ortes. Naja, trotz Berühmtheit hat es eine Weile und mehrmaliges Nachfragen gebraucht, bis wir den Laden gefunden haben. Unsere größte Hilfe war einer der "Ladenschreier", der Werbung für einen (ich glaube) Schuhladen machte. Nach einem beherzten Nachfragen zieht der doch glatt eine komplett auf einer Holzplatte professionell präparierte Übersichtskarte für das gesamte Gebiet aus einer Ablage, um uns dann höchst fachmännisch den Weg zu deuten. Ok, wir waren wohl nicht die einzigen, die den netten Herren im Laufe seiner Karriere mal nach dem Weg gefragt haben ;)

Links: Hm, dazu weiß ich jetzt auch nichts mehr zu sagen ;) Rechts: Ein Nara-"Bambi". Und nein, ich hab den Film wirklich noch nie gesehen, unglaublich...

Links: Blauregen bei Regenwetter... Rechts: Ein Blick in die Schreinanlage.

Das Wetter hat leider nicht so ganz mitgespielt, weshalb unser Aufenthalt im Kasuga-Taisha auch kürzer ausfiel, als geplant.

Ein weiterer Blick ins innere des Geländes.


Am für meine Besucher letzten Tag ging es quasi nochmal "back to the roots", (fast) zurück zum Ausgangspunkt, nach Nara. Die Hauptattraktion haben wir mit dem Todaiji zwar schon gesehen, doch in dessen relativer Nähe gibt es noch einen weiteren bedeutenden Besuchermagneten, den Kasuga-Taisha-Schrein. Der Zugangsweg zu diesem Schrein schlängelt sich durch ein Waldgebiet und ist wie das gesamte Areal drumherum belebt durch die Hirsche und - und das ist was diesen Ort ausmacht - reich beflankt mit über tausend Steinlaternen, die zu besonderen Festtagen angefacht werden und so einen wohl recht beeindruckenden Anblick erschaffen. Dass dieser Schrein zu solchen speziellen Festen ein Anrecht auf einen offiziellen Abgesandten des Tennō, also des japanischen Kaisers hat, ist eine weitere Besonderheit, denn es existiert nur knapp etwas mehr als ein Dutzend solcher Schreine, die dieses Privileg genießen. An diesem letzten Tag hat das Wetter leider nicht ganz so sehr mitgespielt, sodass alles leider etwas trübe aussah, dennoch war unser Ziel es mehr als wert, ein bisschen nass zu werden.

Am Freitag hieß es dann nach acht prallgefüllten Tagen, Abschied nehmen, und im Vergleich zu Anfang März bin ich es, der an Ort und Stelle bleibt. Und nur mit der Bahn mal eben "nach Hause" fährt. Schon ein komisches Gefühl...

Freitag, 22. Juni 2012

Heute wird mal weniger gelaufen. Nicht.

(Zugegeben, vielleicht bin ich im Schätzen des Tagespensums bezüglich zusammengelaufener Kilometer eher weniger begabt :) Aber hey, wer kann schon ahnen, dass ein Schrein einen kompletten Hügel in Anspruch nehmen kann? Wie 500 Meter auf der Karte zu echten zwei Kilometern wurden, weiß bis heute auch noch nicht. Ehrlich!...)

[Besuch & Golden Week, Tag 5-6], Nachtrag 30. April-01. Mai

Die neue Woche hat nach dem vollen Programm der ersten Tage recht entspannt begonnen. So haben wir den ersten offiziellen Feiertag dazu verwendet, uns die Zeit in Ikoma und Umgebung zu vertreiben. Unter anderem haben wir uns bei einem Spaziergang durch Alt- und Neubaugebiete japanische Gartenkultur und den ein oder anderen mal ganz Touristen-untypischen Tempel bzw. Schrein etwas genauer angesehen, um danach ausgiebig durchs Aeon, dem nahegelegenen Einkaufszentrum zu bummeln...

 Links: Vermutlich eine Villa mit reichem Besitzer. Rechts: Diese Art von Bäumen - und vor allem mit dieser Formgebung - findet man an so gut wie jedem Hauseingang in den normalen Wohnvierteln.


Am Tag darauf wurde es wieder deutlich touristischer. Uns hat es abermals nach Kyoto verschlagen, denn die ein oder andere Hauptattraktion stand schon noch auf der Liste der Dinge, die man, wenn man schon die Möglichkeit hat, unbedingt besuchen sollte. Da ich unsere Tagesziele selbst noch nicht gesehen habe, war das dann auch für alle eine spannende Sache.

Links: Auf dem Weg zum Fushimi Inari. Rechts: Anstatt die klassischen Holztäfelchen zu beschreiben, kann man hier kleine Holz-Tore mit Wünschen beschriften und aufhängen. 

Das gesamte Gelände ist durchzogen mit aus Torbögen gebildeten "Alleen".

Links: Eine der zahlreichen Fuchsstatuen, die an wirklich jedem Ort des Schreins ein Auge auf die Besucher haben. Rechts: Solche Anrichten findet man entlang de Weges überall.

Ein weiterer Blick durch die Torbögen...


Erster Anlaufpunkt war Fushimi Inari-Taisha, ein Schrein, der besonders wegen seiner zahlreichen Torii (鳥居, dt. „Vogelsitz“, Tore aus Holz oder Stein) bekannt ist. Und mit "zahlreich" sind nicht nur so ein paar hundert gemeint, nein. Rund 10.000 zinnoberrote Tore reihen sich entlang der vielen verzweigten Wege auf, die den gesamten Hügel, auf dem sich die weit ausladende Anlage befindet, über- und durchziehen. Bei dem Spaziergang durch die Schreinanlage kommt man durch ganz verschiedene Bereiche, mal ist es dichterer Wald, mal kommt man durch kleinere Ansammlungen von Hütten und kleinen Ständen, mal kommt man an hunderten kleinen, dem Anschein nach Privatschreinen vorbei, die mit Figuren, kleinen Holztorii und brennenden Kerzen geschmückt sind. Immer beobachtet von zahlreichen Fuchsstatuen, die wirklich überall zu finden sind, kein Wunder, denn die gelten als Begleiter der hier verehrten Hauptgottheit Inari.

Dieser Ort hat mich mitunter am meisten gefesselt: Mitten im Wald findet sich dieser kleine See. Entlang des Weges finden sich einige kleine Häuschen, die dem Devotionalienverkauf dienen. Das größte Haus direkt am See überdacht eine große Ansammlung brennender Kerzen und Räucherstäbchen, deren Rauch und Duft die Luft durchziehen.

Links: Am Eingang zum großen Schrein-Areal. Rechts: Aus dieser Perspektive sehen die großen Tore aus wie Spielzeug...

Der Schrein ist bevölkert mit Tieren aller Art, ob als Statuen und Figuren, ...

... oder vertreten durch den einen oder anderen Vierbeiner.

Links: An diesem Brünnchen kann man Geldwäsche betreiben. Kein Scherz ;) Der Zweck dieses Reinigungsritus' ist die erhoffte Vermehrung des Geldes. Rechts: Die Bedeutung der Tücher, die unter den Wunschtafeln hängen, haben wir leider nicht rausgefunden.


Eine ganze Weile sind wir durch das Gelände gestreift, und irgendwann mehr oder weniger unvermittelt wieder durch mit Häusern flankierten Gassen in der normalen Stadt gelandet. So haben wir zwar leider das Allerheiligste des Schreins nicht zu Gesicht bekommen, welches sich auf der Spitze des Hügels befindet und dessen öffentliche Sichtbarkeit wohl eine ziemliche Ausnahme darstellt, aber zu dem Zeitpunkt war uns das ehrlich gesagt auch gar nicht bewusst...
Will man den Schrein in seinem vollen Ausmaß erfassen und gründlich erkunden, sollte man sich eh einen kompletten Tag dazu Zeit nehmen, so der allgemein zu hörende Ratschlag! Unser Zeitplan hat das natürlich nicht so ganz zugelassen, waren wir doch direkt schon unterwegs zum zweiten großen Ziel des Tages.

Dieser Anblick findet sich vermutlich in jedem japanischen Reiseführer und ist eines der Symbole Japans...


Gibt man in der Bildersuche Google den Suchbegriff "Japan" ein und schaut sich - abzüglich der Landkarten - nur die allererste Ergebniszeile an, sieht man in der Regel Mount Fuji, Kirschblüten, und den Kinkaku-ji, den sogenannten goldenen Pavillon, der in einem atemberaubend schönen Flecken Erde im Norden Kyotos errichtet wurde. Der Pavillon trägt seinen Namen zurecht, denn er ist in der Tat nahezu komplett mit reinem Gold plattiert worden. Das Gebäude wurde allerdings so konstruiert und in die Landschaft gepflanzt, dass es gerade nicht deutlich heraussticht, sondern sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt. Eine weitere Besonderheit ist, dass das Gebäude verschiedene Baustile in sich vereint: Die ersten beiden Stockwerke verkörpern verschiedene Epochen japanischer Bautradition, das oberste Stockwerk richtet sich nach den Künsten chinesischer Architektur. Die beeindruckendste Szenerie hat man wohl vor Augen, wenn der Pavillon von der Sonne angestrahlt wird und durch die Reflexionen im Wasser und in die Umgebung dem Betrachter ein völlig anderes Bild geschaffen wird. Das blieb uns an diesem regnerischen Tag leider verwehrt, dennoch kann man auf einen Blick erkennen, warum der Kinkaku-ji eines der Bilder ist, die man unmittelbar im Kopf hat, wenn man an Japan denkt.

Links: Das Wetter war leider nicht so ganz auf unserer Seite, dennoch war der Besuch des Kinkaku-ji alle Mühen wert. Nächstes Mal wird aber doch der Bus genommen ;) Rechts: Der Grund vor den Statuen ist übersät mit Münzen. Wie so vieles bringt das möglichst zielgenaue Werfen wohl Glück oder Wohlstand.


Viel gesehen, noch viel mehr gelaufen, war der Tag am Ende trotz mäßigen, leicht verregneten Wetters sehr eindrucksvoll, aber auch deutlich anstrengender, als so manch anderer Tag...

Donnerstag, 14. Juni 2012

Von Dämonen und der Liebe

(handelte es im Miyako-Odori, einem traditionellen japanischen Schauspiel, welches es jährlich im April in Kyotos altem Stadtviertel Gion zu bewundern gibt. Auch im Park der Osaka-Burg war die Liebe unterwegs, verfolgt von Hundertschaften professioneller Fotografen...) 

[Besuch & Golden Week, Tag 3-4], Nachtrag 28-29. April

Ich habe ja im einem der letzten Beiträge den Begriff Kulturschock in den Raum geworfen. An diesem Wochenende vor der eigentlichen Golden Week (die Feiertage begannen erst mit dem Montag) stand zuerst einmal Osaka auf dem Plan, und diese Stadt hat mit ihren Gegensätzen und vielen Facetten gewaltiges Potential, den einen oder anderen "Schock" hervorzurufen. Ganz gezielt sollte es für uns an diesem Tag ein recht zweipoliges Programm geben: Zuerst sollte es in den Park des Osaka-jo gehen, der berühmten Burg Osaka, die mit dem sie umgebenden grünen Gelände deutlich heraussticht aus dem urbanen Getümmel drumherum. Hier war ich schon während der Kirschblütenzeit unterwegs, aber nach diesem erneuten gemeinsamen Besuch wurde deutlich: Die Anlage ist wahrscheinlich zur jeder beliebigen Jahreszeit mehr als nur einen Besuch wert. Dieses mal war die Gelegenheit auch gut, die Burg von Innen zu begutachten. In dem Bau, der interessanterweise gerade mal um die 80 Jahre auf dem Buckel hat, befindet sich ein modern gestaltetes Museum: Nach diversen Bränden wurde die Burg in den Dreißigern neu errichtet, im zweiten Weltkrieg abermals stark beschädigt, und steht letzten Endes in ihrer jetzigen Gestalt erst seit 1997 wieder in voller Pracht. Das Innere ist, vergleichbar mit dem Schloss Karlsruhe, nicht wieder hergestellt worden, sondern modern gestaltet und ausgeformt in Form moderner, schlichter Räumlichkeiten, die als Ausstellungsflächen dienen für Zeugnisse aus und Informationen über alte Zeiten.

Die Parkbesucher genießen das fast schon unverschämt gute Wetter...

... nur blöd, dass Heuschnupfen keinen Halt vor Landesgrenzen macht.

Blick auf die geschichtlich alte, aber physisch junge Burg Osaka.

Das ist der geheime Flecken, der mir das letzte mal von dem kontaktfreudigen Japaner gezeigt wurde. Das Hochzeitspaar, dass diese Ecke für eine ihrer Fotosessions aussuchte, war ebenso eingeweiht ;)


Die Tatsache, dass es Samstag war und zudem noch unverschämt gutes Wetter vorherrschte, sorgte für ein ganz besonderes Phänomen: In Scharen konnte man junge Hochzeitspaare über das große Areal schlendern sehen. Naja, schlendern ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn in voller Festtagsgarderobe und mit ganzen Kamerateams im Schlepptau war den meisten nicht nach einem romantischen Nachmittag, sondern Ausdauer abverlangender Arbeit: In Japan ist es heutzutage ein üblicher Brauch, professionelle Hochzeits-Fotoshootings zu machen, die gut und gerne auch ein kleines Vermögen kosten dürfen. Allzu oft macht man das ja auch nicht. Hoffentlich...

Panorama vom Aussichtskäfig der Burg.


Die zahlreichen Hochzeitspaare durchstreifen das komplette Burg- und Parkgelände. Einige treffen wir mehrmals, denn es wird kaum eine gute Fotoszene ausgelassen... 


Raus aus dem grünen Herzen der Stadt rein ins pulsierende Leben! Und das heißt ganz praktisch für uns: Ab nach Shinsaibashi, einem der niemals schlafenden Ecken Osakas. In diese Ecke kommt man hauptsächlich für eine Sache, Einkaufen! Shinsaibashi ist mit ihrer berühmtesten Flaniermeile Shinsaibashi-suji das Shoppinggebiet in dieser riesen Stadt. Hier findet man alles was Rang und Namen hat, verteilt auf Kleinst- und Kleinläden bis hin zu Riesenkaufhäusern. Die beste Chance, sich förmlich erschlagen zu lassen von Dingen, die man vorher noch nie gesehen und gebraucht hat, den zahlreichen lauthals vor den Läden stehend rufenden Werbemenschen nach genau jetzt aber unbedingt haben muss. Und für die, die Heimweh haben, gibts dann immer noch den H&M...
Eins der Hauptattraktionen auf dieser Shoppingtour soll aber, wie soll es anders sein, die Schuhmode der japanischen Damenwelt bleiben. Nicht ganz zu Unrecht, muss man doch zugeben, dass es schon erstaunlich ist, wie hoch Absätze überhaupt sein können, dass man immer noch - zumindest halbwegs - mit den Dingern laufen kann. Für mich ist das nicht mehr unbedingt eine Neuigkeit, nachdem ich schon auf japanischen  Konzerten extremerer Gangarten erstaunliche Mengen Pumps vorgefunden habe und Frauen mit Pfennigabsätzen die Hügel in Yoshino habe hoch- und runterwandern sehen.

Auf der Sinsaibashi-suji wimmelt es von Menschen... gemütlich einkaufen kann hier zu einer echten Herausforderung werden.

Ein kleiner Abstecher nach Amerika-mura. Links die zentrale Kreuzung, die dem Viertel angeblich ihren Namen spendete, da sie aus der Vogelperspektive wie das japanische Kana ア ("a") aussieht...

Die berühmte große Krabbe, die als "Aushängeschild" eines Restaurants dient. Zangen, Beine und Augen bewegen sich obendrein noch... Von den sich bewegenden Krabben und anderem Getier gibt es mehrere in Dotonbori/Shinsaibashi, aber das hier müsste die größte von allen sein, wenn ich mich nicht vertan habe ;)


Ganz gezielt habe ich uns mitten rein gelotst, um das unglaubliche Gewusel von abertausenden Menschen entlang der kilometerlangen voll überdachten Einkaufsstraße einmal hautnah mitzuerleben. Das ist schon ein wahres Erlebnis für sich. Auf die Dauer natürlich auch sehr anstrengend, und so bleibt unsere Shoppingtour diesmal eher etwas kürzer, immerhin sollte es an dem Tag nur um das Schauspiel gehen, und darum, das Extrem vom ruhigen Burggarten zum Menschenhaufen im Zentrum zu vollenden. Einen letzten Abstecher sollte es geben nach Amerika-mura, welches mit seinen übertrieben amerikanisch überhöht-kitschigen Läden, der lauten Hip-Hop-Musik und den jugendlichen Kollektiv-Individualisten direkt neben Shinsaibashi angesiedelt ist. Damit war es für diesen Tag auch genug der Eindrücke und Zeit, zurückzufahren. Aufs "Land" ;)



An Sonntag stand ebenfalls so einiges auf dem Plan... Eingeladen von Matsuda-san, uns ihrem kleinen Familienausflug bestehend aus einer Gruppe von etwa einem Dutzend Personen anzuschließen, haben wir uns in der Frühe gen Richtung Kyoto begeben, der Stadt, die wohl mit Abstand das höchste Aufgebot an geballter Kultur im Kansai-Gebiet und vielleicht ganz Japan zu bieten hat. Begonnen haben wir noch recht entspannt mit einem Besuch des traditionellen Geisha-Viertels Gion, welches vielen Leuten wohl aus dem Film "Die Geisha" bekannt sein dürfte. Hier leben die Geisha, oder genauer gesagt Geiko, die richtige Bezeichnung für die Kyoto-Geisha, in ihren jeweiligen Geisha-Häusern, die Wohnstätten und Ausbildungsstätten zugleich sind. Frauen, die sich diesem hoch-anspruchsvollen Beruf verschrieben haben, leben dauerhaft in Gion. Von Matsuda-san erfahren wir, dass es eigentlich nie vorkommt, dass eine Geisha außerhalb dieses Viertels lebt.

Links: An einem kleinen Fluss in Gion, der hinter Geisha-Häusern und Restaurants vorbeifließt. Rechts: Koi-Teich im schön angelegten Garten unseres Restaurants für die Mittagspause.


 Vor und im Restaurant. Es wird klassisch auf dem mit Tatami ausgelegten Boden sesessen. Oder für die, die wollen, auf einer niedrigen Bank ^^  


Unsere Mittagspause haben wir in einem ur-japanischen Restaurant verbracht, im Speziellen einem Tofu-Restaurant. An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass das Tofu, was man gemeinhin aus unseren Supermärkten kennt, und japanisches Tofu in etwa so viel gemeinsam haben: Nichts. Wird Tofu in der westlichen Welt tendenziell als Fleischsubstitution verwendet, stellt es wie in diesem Restaurant auch ganz allgemein ein vollwertiges Gericht dar, was auf unzählige Arten und Weisen serviert werden kann.
Eine Premiere für meine Besucher war dann auch, dass das Mittagessen im klassischen Tatami-Zimmer stattfand, also auf dem Boden sitzend ;)

Wir waren definitiv nicht die Einzigen, die das verlängerte Wochenende für den einen oder anderen Ausflug nutzen wollten ;)

Eingangtor zum Vorhof des Kiyomizu-dera-Areals. Rechts/Unten: Aberhunderte hölzerne Tafeln tragen die Wünsche der Tempelbesucher.

Rechts/Unten: Die dreistrahlige Wasserstelle bringt Gesundheit und ein langes Leben. Wenn man es schafft, sich von dem reinen Wasser zum Trinken etwas aufzufangen...

Rechts/Unten: Eines der vielen Gebäude...

 ... die zu dem großen Areal gehören. 


Auf unserer Liste ganz oben stand heute der Besuch des Kiyomizu-dera. Dieser buddhistische Tempel ist bis weit über die Grenzen Japans bekannt und hat es ebenfalls mühelos auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft: Das, was diesen Tempel so besonders macht, ist die über 13 Meter hohe von einem Holzkonstrukt getragenen Terrasse, die wie der Tempel an sich direkt an einen abschüssigen Hang gebaut wurde. Die Terrasse wurde zu dem Zweck angelegt, eine würdige Plattform für die Tänze zu Ehren der Götter zu haben. Weiterhin berühmt ist das Wasser des Kiyomizu-dera: Kiyomizu (清水) bedeutet wörtlich reines Wasser und bezieht sich auf die Bergquelle, die insbesondere die dreistrahlige Wasserstelle des Tempels speist. Diese ist so angelegt, dass das Wasserschöpfen mit einigen Mühen verbunden ist. Schafft man es jedoch trotzdem, mit den an Stangen befestigten Gefäßen Wasser zu schöpfen und damit rituell den Mund zu reinigen und es zu trinken, so darf man auf umso mehr Gesundheit und Erfolg hoffen.
Da allerdings heute das Wochenende vor den Feiertagen der eigentlichen Goldenen Woche ist, fühlten wir uns beim Aufstieg zum Tempel nicht wirklich einsam ;)

Links: Beim Anzünden der Räucherstäbchen. Rechts: Grandioser Blick auf Kyoto. Im Hintergrund ist der Kyoto Tower zu sehen. 

Die beeindruckende, 13m hohe Terrasse des Kiyomizu-dera, auf der für die Götter getanzt wird, und sich die Touristenmassen drängen...

Links: Schafft man es, die große Eisenstange (links) hochzuheben, bringt das (vermutlich) Glück. Schafft man das nicht (und das tut wahrscheinlich auch keiner...), kann man sich (normalerweise erfolgreich) an der kleinen Stange versuchen. Bekommt dann aber wahrscheinlich die kleinere Wirkung ;) Rechts: Unsere  Gruppe für diesen tollen Tagesausflug!

Panorama auf die Terrasse des Kiyomizu-dera und Osaka im Hintergrund. Wohl eines der berühmtesten und beliebtesten Fotomotive ganz Japans.


Den Abschluss unseres langen Tages bildete etwas ganz Besonderes: Der Besuch des Miyako-Odori, einem sehr traditionellen Schauspiel, einem sogenannten Tanz der Maiko. Jedes Jahr im April können die Maiko, das sind junge, sich in Ausbildung befindende Geisha-Anwärterinnen, ihre bisher erlernten Künste auch einml in der Praxis als Aufführung der Öffentlichkeit präsentieren. Das Miyako-Odori wird in einem ganz eigenen Theater mitten in Gion mehrmals täglich aufgeführt. Wir haben uns Karten für die letzte Vorstellung des Tages bereits am morgen reserviert, denn die Platzkarten für Normalsterbliche, die immer nur am Aufführungstag erworben werden können, sind in der Regel heiß begehrt.

Werbung in den Gassen Gions für das Miyako-Odori, aufgenommen an einem meiner früheren Besuche in Kyoto.

Das Theater, in welchem wir die Vorführung gesehen haben. Während des Schauspiels war das Fotografieren natürlich untersagt.
 
Zum Abschluss ein obligatorisches "ich-war-da"-Bild ;)


Auch im Theater gilt, es sich auf dem Boden gemütlich zu machen, mit dem Unterschied, dass die Ränge unterteilt sind in einzelne kleinere Sitzbereiche. Fotos schießen ist generell nicht erlaubt, und so fällt es auch schwer, das Dargebotene angemessen wiederzugeben. Die breite Bühne ist flankiert von zwei zum Saal hin offenen Räumen, die besetzt sind mit Instrumentalisten wie beispielsweise Shamisen-Spielern. Die Bühnenverzierung bzw. Szenendarstellung ist dezent, aber detailliert und arbeitet mit einigen interessanten Tricks, die aus einem Blauen Stoff ein sehr realistisch wirkendes aufbrausendes Meer zaubern. Die eigentlichen Tänze sind vielmehr feste, streng geplante synchrone Bewegungsabläufe. Es gibt keine Bewegung zu viel, das Detail steckt in den kleinen und kleinsten Dingen, was dem Zuschauer viel Aufmerksamkeit abverlangt. Gruppenchoreographien werden abgewechselt mit Szenen einzelner Charaktere, wie einem Liebespaar, das getrennt wird durch den Auftritt eines Dämons, den es folglich durch einen Helden zu bezwingen gilt. Das alles geht von statten ohne ein gesprochenes Wort, allenfalls mithilfe eines kehligen, reduzierten Sprechgesang, der allerdings immense Emotionen transportiert. So fein strukturiert und geplant die Bewegungsabläufe sind, ist es auch die Musik, die hier nicht nur begleitet, sondern leitet. Oft werden nur einzelne, von anderen deutlich abgesetzte Töne gespielt, die Musik ist komplex in ihrer Einfachheit und in den ersten Minuten nicht wirklich zu begreifen. Es benötigt einige Einarbeitung, um die Klänge wirken lassen zu können. Hat man einmal den Zugang geschafft, erzeugen die gespielten Töne einen Tiefgang, der schwer mit allem anderen zu vergleichen ist, was man sonst so kennt. Es ist schon eine ganz spezielle und einzigartige Musik und Darbietung im Allgemeinen, derer man aufgeschlossen und unvoreingenommen, aber etwas vorbereitet begegnen muss. Ich werde mir ds Miyako-Odori im April auf jeden Fall als heißen Tipp gut im Gedächtnis behalten :)