Dienstag, 24. April 2012

Wenn die Welt zusammenwächst

Das interACT-Programm wächst mit dem NAIST als Neuzugang auf acht Partner an, die verteilt sind über die ganze Welt und sich zum Ziel gesetzt haben, die internationale Forschung und Zusammenarbeit voranzutreiben und zu intensivieren.

Ein wichtiges Datum war der neunte April, an dem die "interACT Signing Ceremony" stattfand. Das heißt, der Austausch, der zwischen dem NAIST und KIT besteht, wurde nun also auch feierlich und hochoffiziell mit Unterschriften besiegelt. Ein durchaus besonderes und nicht alltägliches Ereignis, schon gar nicht, wenn man dem beiwohnen darf und sogar die Rolle des Pioniers ausfüllt, sind doch Matthias und ich die ersten beiden Studenten, die im Rahmen dieses Programms ans NAIST gekommen sind.
Zu diesem Anlass wurden Commemorative Lectures, Vorträge von Professoren beider Unis gehalten und Demos in den verschiedenen Abteilungen gezeigt, natürlich auch in unserem Lab :)

Links: Die Präsidenten besiegeln die junge Partnerschaft mit ihren Unterschriften. Rechts: Sonderbeflaggung zur Feier des Tages.
 
Kano-san und Tanaka-san (und andere Studenten des Labs) beim Vorführen verschiedener Demos.


Sonntag, 22. April 2012

Schweiß als Globalisierungshelfer?

Konzerte sind gelebte interkulturelle Kommunikation mit vollem Körpereinsatz. Distanzen zwischen Kulturkreisen? Vielleicht ist nur Musik in der Lage, diese so sprichwörtlich spielend zu überbrücken, als wären sie nicht gar nicht da. Naja, und gutes Essen ;)

Ende März und Anfang April sollte es auf die ersten Knüppel-Konzerte gehen, denn auch der japanische Underground brodelt und spuckt unentwegt extrem talentierte Bands aus, die nur leider jenseits der Landesgrenzen nicht mal zu Zeiten des allgegenwärtigen Internets einen ihnen gebührenden Bekanntheitsgrad erlangen.
Das erste Konzert fand im 4. Stock eines Hochhauses statt, in einem sprichwörtlichen Loch ohne Fenster, das so klein war, dass die Bar und der Merch-Stand ein Stock darüber ihren Platz hatten. Interessant zu beobachten war, wie der Headliner - eine amerikanische Band - vom durchweg japanischen Publikum mit strahlenden Gesichtern und übersprudelnder Euphorie empfangen und abgefeiert wurde. Da wird einem erst einmal bewusst, wie selbstverständlich es in good old Germany mittlerweile ist, binnen eines Jahres fast jede beliebige Band aus den Staaten irgendwann mal in relativer Nähe zum eigenen Wohnort sehen zu können. Und so mache ich an dem Abend auch brav meinen Platz in der ersten Reihe frei für jemanden, der noch nicht so verwöhnt ist von einem solchen (fast schon Über)angebot. Hier nur ein paar Impressionen:







Was einem auch nicht alle Tage passiert ist, dass man auf einem Konzert einem der bekanntesten Cover-Art- und T-Shirt-Designer dieses Genres über den Weg läuft, der einem bei einem netten Plausch sein Portfolio in die Hand drückt, das gefüllt ist mit Grafiken, die sich zuhause in meinem CD-Regal und Kleiderschrank wiederfinden ;) Crazy...

Zufälliges Treffen mit Toshihiro, einem gefragten Cover-Art-Designer. Das Shirt, das ich anhabe, hat zwar nicht er entworfen, aber natürlich einer seiner Kumpel ;)

Das zweite Konzert spielte nochmal in einer ganz anderen Liga, hier sind schon die japanischen Vorbands bekanntere Szenegrößen. Und ich muss zugeben, viele Bands habe ich noch nicht gesehen, die dermaßen auf das Gaspedal treten wie diese Japaner. Nicht nur, dass hier gerne auch mal mit zwei Drumsets gespielt wird, nein auf diese kann man sich natürlich auch draufstellen (und gleichzeitig darauf spielen!), während sich der oder die Sänger mit einer völlig verausgabenden Show das Publikum gehörig machen.
Der Headliner des Abends ist eine weltweit erfolgreiche Band aus den Staaten, deren Auftritt ich in der Heimat leider verpasste und es damit umso bedeutender war, sie hier sehen zu können. Die Show hat viel Tiefgang und ist sehr publikumsbezogen, und definitiv unter die Haut gehend... Nach der Show war Zeit für ein paar nette Gespräche und Knüpfen von Konzertkontakten für die nächsten Shows. Interkulturelle Interaktion leicht gemacht, Musik verbindet ;)
Bilder vom letzten Konzert gibts keine, denn gelernt habe ich nun unter anderem auch, dass es nicht nur Konzert- sondern sogar Bandabhängig ist, ob man Bilder schießen darf oder nicht, sei es mit Handykamera oder Spiegelreflex. Das bedeutet also, vor jedem Konzert muss nachgefragt werden, wo wann was erlaubt ist. Ok, damit kann ich leben ;)

Dienstag, 10. April 2012

Next stop is Kokusaikaikan!

(Oder auf "westlich": das Kyoto International Conference Center, für eine Woche meine Endstation im Norden Kyotos, die in dieser Touristenstadt gerne auch zweisprachig angekündigt wird)

[Nachtrag zum Ende März] ich hole auf! ;)

Die Tage vor dem 25. März waren gefüllt mit Vorbereitungsmaßnahmen für die ICASSP 2012. Diese Abkürzung steht für den griffigen Namen "IEEE International Conference on Acoustics, Speech and Signal Processing" und betitelt die weltgrößte internationale Konferenz im Bereich der Signalverarbeitung, zu der dieses Jahr auch ich gehen darf. Was habe ich denn da zu suchen? Glücklicherweise war es mir gegönnt, im Rahmen meines Studiums eine Arbeit verfassen zu können, mit der ich mich für eine Posterpräsentation qualifizieren konnte. Eben jenes Poster brauchte in den letzten Tagen noch den gewissen Feinschliff und einige Überlegungen für die kurze Präsentation.

In dieser Zeit habe ich übrigens auch - aber nicht wegen des Posters - einen neuen, vielleicht nicht ganz nacheifertauglichen Rekord aufgestellt: Mit der Zeit passt man sich so ein wenig an die Arbeitsweisen der japanischen Studenten an. Und das schließt mit ein, auch mal deutlich bis nach "deutschen" Feierabenden weiterzuarbeiten. So habe ich es doch tatsächlich schon fertiggebracht, das Labor um halb 12 zu verlassen. Nachts. Und dann war ich noch lange nicht derjenige, der das Licht auszumachen hatte ;) Ja, es kommt eigentlich täglich vor, dass bis Nachts und auch bis nach Mitternacht noch irgendjemand im Institut sitzt und weiterarbeitet, auch am Wochenende. Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass vor 11 Uhr morgens sich kaum ein Student an seinen Arbeitsplatz verirrt.
So weit will ich es aber auf keinen Fall kommen lassen, vielmehr besteht mein Plan darin, unter der Woche mein Pensum nach japanischen Maßstäben zu erfüllen, um dann das Wochenende frei halten zu können. Und das klappt soweit auch ganz gut.


Links: Im Hintergrund sitzt eine der beiden Absolventen, gekleidet in einem Kimono für besondere Anlässe dieser Art. Rechts: Moriguchi-san, Kano-san und Yu-san ;)

Die schon erwähnten japanischen Tischmanieren: Man schenkt sich nicht selbst ein, sondern wartet, bis einem eingeschenkt wird. Sowohl der Gebende als auch der Empfangende verwendet jeweils beide Hände. 
Links: Die Bedienung taucht rohes, sehr dünn geschnittenes Rindfleisch in kochendes Wasser. Rechts: Mein eigener Versuch...


Ebenfalls in dieser Woche wurden die Absolventen dieses Jahres verabschiedet, und auch das Lab, in dem ich arbeite, hat zwei Abgänger zu verzeichnen. Grund genug, mal wieder königlich essen zu gehen! Das Essen in geselliger Runde im traditionellen Restaurant war der hohen Qualität entsprechend hochpreisig, dafür aber weit entfernt von alltäglich! Statt importiertem Ami-Beef gab es hier u.a. echtes japanisches Rind, das leisten sich auch Japaner nicht allzu oft. Als Abschiedsgeschenke gabs für die beiden übrigens Visitenkarten-Etuis - absolute Grundausrüstung für jeden berufstätigen Japaner! - und für den Herren in der Runde ein Zippo. Und das erwähne ich nur deshalb, weil es anders als vielleicht bei uns hier was ziemlich Besonderes zu sein scheint, wie seine Reaktion vermuten ließ. Einige Tage später beim Durchschlendern eines Kaufhauses hat sich der Eindruck bestätigt, als ich die umgerechnet locker 3-stelligen Beträge für die Dinger in Standardausführung gesehen habe...

Links: Meine "My Hashi" im modernen Design. Muss ja nicht immer nach Klischee aussehen. Rechts: Der Kyoto Tower ragt 131 Meter in die Höhe. 

Links: der erste von zwei Zwillingstempeln. Rechts: Das Gegenstück ist versteckt hinter einem Vollmantelgerüst. So sieht es aus, wenn Tempel renoviert werden :)  

Rechts: Detail der schönen Verzierungen. Im Inneren des Tempels war fotografieren verboten. Rechts: Ein Vogel beobachtet den Eingang des Tempelareals. Im Hintergrund der Kyoto Tower.


Auf dieser kleinen Window-Shopping-Tour habe ich mir auch eine Kleinigkeit gegönnt: Meine eigenen Essstächen. Nötig wäre das sicher nicht gewesen, denn an Stäbchen hat man hier keinen Mangel, die bekommt man zu jedem Essen immer dazu, egal ob im Restaurant oder im Supermarkt. Genau das ist aber auch der Knackpunkt: Diese sogenannten Waribashi (割り箸, Wegwerfstäbchen) werden, wie der Name schon verrät, nach einmaligem Gebrauch in die Tonne gehauen. Auf diese Weise werden in Japan pro Jahr unglaubliche 24 Milliarden (!!!) Stäbchenpaare verbraucht. Das entspricht einer geschätzen Menge von 25 Millionen voll ausgewachsenen Bäumen, die pro Jahr gefällt werden [1].
Und weil mir solche Zahlen sehr unangenehm aufstoßen und ich mich auch schon von Anfang an jedes mal unwohl gefühlt habe, wenn ich die Dinger nach einem mal Benutzen ent-sorgen (seltsames Wort übrigens) musste, habe ich mich entschieden, mir "My Hashi" (dt. "meine Stäbchen") zuzulegen, wie sie hier so schön genannt werden.
Wenn ich sie jetzt nicht ständig vergessen würde, wäre mein Vorsatz doch absolut ehrenwert, was? ;)

Der Blick in Richtung Haupteingang des Kyoto International Conference Centers.

Die Konferenz begann offiziell am 25., doch die Studenten aus dem Lab und auch ich waren schon den Tag davor unterwegs nach Kyoto: Da unser Professor einer der Hauptverantwortlichen dieser Veranstaltung ist, wurden seine Schützlinge und auch Studenten anderer beteiligter Labs in die Organisation mit eingespannt, was mir ebenfalls die Möglichkeit gab, mich im Rahmen eines kleinen Jobs zu beteiligen.
Veranstaltungsort der diesjährigen ICASSP ist das Kyoto International Conference Center. Ein Ort mit nicht geringer historischer Relevanz, denn in den Hallen des Konferenzzentrums wurde das berühmte Kyoto-Protokoll geboren! So frage ich mich dann im Laufe der ein oder anderen Vortrags-Session, welcher wichtige Hintern da wohl mal in dem Sitz ruhte, den ich gerade in Beschlag genommen habe ;)
Meine Aufgabe am 24. war grob umrissen mit "Vorbereitungen". Und so begebe ich mich mit Yu-san leicht verspätet in den Raum, in dem sich unser Professor aufhält, mit vielen weiteren vermutlich sehr wichtigen Leuten, die dabei sind Interna zu klären, mit denen wir gar nix anfangen können. Bis wir dann nach einer halben Stunde so langsam merken, wir sind hier nicht ganz richtig... also heißt es, möglichst unauffällig aus dem Raum kommen und unseren eigentlichen Einsatzort finden. Ups.
Den finden wir dann auch, und plötzlich macht unsere Anwesenheit dann auch viel mehr Sinn: Wir sind mit einem Dutzend weiterer fleißiger Helfer für die Befüllung der Konferenz-Begrüßungs-Taschen zuständig! Es fällt schwer, nicht über den Fehler zu lachen, auch wenn Yu-san schon Angst und Bange vor der Laune des Professors ist.
Doch nachdem die wahrscheinlich unglaublich wichtige Sitzung vorbei ist, gesellt eben jener sich zu uns, fragt grinsend "Do you shopping?", und packt selbst mit an ;)


Links: Das Kyoto ICC. Rechts: 世界は一つ (Sekai wa hitotsu, "Die Welt ist eins"), Gedenkstein an der Allee Richtung Konferenzzentrum. 

Rechts: Schild der ICASSP 2012 am Eingang. Rechts: Blick in den Hauptsaal des ICC. Hier saßen schon die Politiker der Welt, um das Kyoto-Protokoll zu verfassen.


Vom 25. bis 30. war ich dann regulärer Besucher der Konferenz. Am dritten Tag gab es ein offizielles Eröffnungsprogramm (die ersten beiden Tage umfassten registrierungspflichtige Sonderprogramme), an dem frei Sake ausgeschenkt wurde und Maikos (Geisha-Anwärterinnen) mit Shamisen und Shakuhachi (Zupfinstrument und Flöte) traditionelle japanische Klänge ertönen ließen.
Der Veranstaltungsort versprüht über die gesamte Konferenz übrigens seinen ganz eigenen Charme. Das Gebäude besitzt mit seinem hexagonalen Design im Kernbereich kaum vertikale Wände und atmet im Verbindung dem mattgrünen Teppichboden die Ästhetik einer anderen Zeit...

Panorama auf das ICC und einen Teil der zugehörigen  Parkanlage.
Während der Eröffnungszeremonie: Flöte ...

... und Shamisen werden traditionelle japanische Klänge entlockt.


Zusätzlich besticht das Konferenzzentrum mit seiner Lage in einem unglaublich schönen Landschaftsstrich! Um das ICC herum erheben sich bewaldete Hügel, ein kleiner Fluss durchzieht das Gelände, hinter dem ICC-eigenen wunderschön angelegten Privatpark befindet sich ein öffentlich zugänglicher See, ebenfalls in einem Park gelegen. Das alles mit fabelhaftem Wetter an den meisten Tagen macht definitiv gute Laune. Und in der Tat, auch unter Japanern ist dieses am Nordrand Kyotos gelegene Gebiet als Ausflugs- und Wanderziel sehr beliebt und wird auch in einschlägigen Reiseführern wärmstens empfohlen.

Links: Blick auf die Parkanlage. Rechts: Kois im Teich. 

Links: Klassisches "ich war hier"-Bild. Rechts: Ein Blick ins Innere des Haupt-Foyers. Man kann erahnen, in welcher Zeit das ICC entworfen wurde... 

Das Besondere an der Architektur ist ihre hexagonale Gestaltung.

Ein bisschen mulmig ist mir ja schon mitten in dieser Schar von super-intelligenten super-wichtigen Leuten, deren Namen ich von Autorenlisten von Papern und Büchern kenne, die ich für Prüfungen und meine eigene Arbeit lesen musste... und dann muss ich mich auch noch vor ein Poster stellen und hoffen, dass keine vernichtenden Fragen kommen, die mich im Erdboden versinken lassen ;)
Wie es das Schicksal so will, wurde für mich aus einer Posterpräsentation gleich zwei: Für einen Kollegen, der leider nicht teilnehmen konnte, musste ein Ersatz her, und der war ich (freiwilligerweise). Alles in allem war das eine tolle Sache, denn so hatte ich schonmal so etwas wie einen Probedurchgang, nur mit anderem Thema. Und der hat auch noch ganz gut geklappt. Man muss sich diese 2-stündige Posterpräsentation so vorstellen, als würde man etwa 25 mal das gleiche Minireferat hintereinander abhalten. Und so fühlen sich dann am Ende auch die untrainierten Stimmbänder entsprechend geschunden an.

Beim Ramen-Essen im 10. Stock...

Auf der Konferenz waren jeden Tag Studenten meines Labs unterwegs, sowohl als Mithelfer als auch als Teilnehmer. Und so gab es auch immer lustige Feierabende. Einmal bin ich mit Takamichi-san nach hause geradelt, d.h. ich bin geradelt, und er ist gejoggt, 2 km weit, im Anzug wohlgemerkt, um dann noch die Nacht im Labor durchzumachen, weil er eine wichtige Deadline zu erfüllen hatte. Ein anderes mal gings mit Odagaki-san in ein Ramen-Restaurant im 10. Stock des Kyoto'er Hauptbahnhofs, einem modernen Monumentalbau. Und am Abend vor meiner eigenen Postersession sind wir in der Gruppe doch glatt nochmal Ramen essen gegangen, nein, kein normales, es musste schon eins mit Knoblauch sein! Ob das eine gute Idee war?


Bei meiner eigenen Präsentation.

Meine Postersession am letzen Tag im letzten Slot habe ich jedenfalls gut rumgebracht, ohne dass jemand in Ohnmacht flog. Man hat der Menge an Leuten im Poster-Bereich aber auch angemerkt, dass die letzten beiden Stunden dieser Veranstaltung angebrochen waren, denn die Reihen haben sich doch deutlich gelichtet. So bin dann aber auch ich froh, als es heißt: Feierabend! Nicht, weil es nicht Spaß gemacht hätte, ganz im Gegenteil, es war ein sehr bereicherndes und ebenso privilegiertes Erlebnis hier teilgenommen haben zu dürfen! Doch nach 5 Tagen Pendelei zwischen Ikoma und Kyoto (immerhin 3 Stunden Zugfahrt pro Tag) muss so einiges an Schlaf nachgeholt werden. Auf der anderen Seite fühlte es sich am letzen Tag schon ziemlich cool an sagen zu können, "ich fahr dann mal eben heim", statt "ich flieg dann mal zurück" :)

Okonomiyaki-Party, oder: Wie viel kann man in 4 Stunden futtern? Ne ganze Menge! 
Links: Matthias beim Wenden eines Riesen-Okonomiyaki. Rechts: Die Pfanne bleibt nie lange leer...


Mein Geburtstag klang schließlich noch im Institut aus mit einer Okonomiyaki-Party, was quasi ein 4-stündiges (gemütliches!) Ess-Gelage war, in geselliger und um eine Person angewachsene Runde: Matthias, einer meiner Mitstudenten aus Karlsruhe, ist den Tag zuvor angekommen! Zu zweit sind wir, das heißt die deutschen Austausch-Pioniere im Nakamura-Lab, nun also nach diesem meinem ersten Monat komplett.

Und noch ein besonderes Ereignis sollte sich an diesem Abend ereignen: Mein erstes selbsterlebtes Erdbeben ^^ Jaa, ok, im 7. Stock sitzend ist das schon fast geschummelt, denn in solchen Höhen merkt man auch die kleinsten Erschütterungen, und ich als noch Unerfahrener war auch derjenige, der es als erstes spürte. Hätte ich nichts gesagt, wäre es vielleicht niemandem aufgefallen. Wie auch ich die ersten paar Erdbeben, die es seit meiner Ankunft gab nicht gespürt habe... Davon gab es nämlich schon mindestens zwei spürbare, so sagte man mir...


Quellenverzeichnis:
[1] http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Chopsticks&oldid=486160916

Dienstag, 3. April 2012

Winter is gone...

(Der Winter ist vorbei! So die Begrüßung einer freudigen, älteren Japanerin im Nara-Park, die bei strahlendem Sonnenschein sichtlich das "Deer gathering" genoss. Ebenso wie auch ich...)

[Nachtrag zum 19. und 20. März]

Vor zwei Wochen ging es für mich ins Rathaus von Ikoma und danach das erste mal rein nach Nara-Stadt. Der Grund des Rathausbesuchs war die Antragsstellung auf meine "Alien Registration". Jeder Ausländer, der länger als 90 Tage im Land bleiben will, benötigt eine Alien Registration Card, was im Prinzip so was ähnliches wie ein Personalausweis auf Zeit ist. Der Grund für den Nara-Trip war eine benötigte Erlaubnis für die Ausübung eines Teilzeitjobs. Vorige Woche fand die ICASSP in Kyoto statt, eine riesige internationale Konferenz, zu der ich auch als regulärer Besucher gegangen bin. Allerdings ergab sich für mich durch das NAIST auch die Möglichkeit, dort ein bisschen bei der Organisation mitzuhelfen, da das gesamte Labor in jene eingebunden war. Dazu jedoch in einem späteren Beitrag noch mehr...
So ging es also mit Matsuda-san nach dem Rathausbesuch per Bahn in die Hauptstadt der Präfektur, inklusive kleinem privaten Rundtrip. Da das Rathaus vom Bahnhof ein Stückchen weg ist, bietet sich das auch direkt an, denn an sich ist Nara in seiner Komplettheit eine Sehenswürdigkeit! Kaum aus dem Bahnhof raus, gings auch direkt durch ein Parkgelände, vorbei an einer großen, mehrstöckigen Pagode, die geradewegs aus einem Bilderbuch stammen könnte. Und ich denke mir nur, so etwas unvorbereitet auf diesen Anblick, ja, das ist Japan! Ein waschechter Aha-Effekt sozusagen. Unvorbereitet war ich dann auch tatsächlich nicht nur im Geiste. Sonst immer im Gepäck, habe ich an jenem Tag natürlich keine Kamera dabei. Nicht unbedingt ärgerlich, da der Plan bereits stand, am Folgetag nochmal nach Nara zu fahren, dennoch etwas doof, denn auf dem Weg hätte es so einiges zu Fotografieren gegeben. Nachdem es durch Naramachi, einem historischen Stadtgebiet mit vielen schmalen Gässchen, alten Häusern und hunderten kleinen Läden, Geschäften und Lokalen ging (von denen eines für die Mittagspause herhalten musste), sollte dann auch der Bürokratieteil erledigt werden. Der Rückweg zum Bahnhof wurde durch den wunderschönen Nara-Park genommen, der neben seinen Tempeln besonders für die Hirsche bekannt ist, die sich hier völlig frei bewegen können.

Links: Der Horn-Bläser füttert die Tiere, die sich nach dem Herbeirufen um ihn gescharrt haben. Rechts: Keine Tasche ist vor den hungrigen Hirschen sicher.

Links: Das Spiel mit den Tieren macht besonders den Kindern Spaß. Rechts: Beute gewittert...

Erster Berührungskontakt mit den zahmen Tieren.

Jene waren nämlich genau der Grund, warum ich am Folgetag gleich nochmal nach Nara gefahren bin, diesmal ausschließlich als Touri ;) Also, wie gesagt ist der Nara-Park berühmt für die Nara-Hirsche, die sich auf dem kompletten Gelände völlig frei bewegen können, und darüber hinaus. Daher sind die Straßen gesäumt mit Warnschildern, die zu achtsamem Fahren auffordern. Nicht ohne Grund, denn die Hirsche sind echt überall... Und wenn ich Hirsche sage, meine ich nicht ein paar, sondern hunderte, um genau zu sein 1200 Tiere. Natürlich rankt sich eine Geschichte um sie. Man sagt, dass die Götter auf den Rücken der Hirsche nach Nara gekommen sind, und so sind die Tiere selbst in gewisser Weise göttlich. Daher haben sie das Recht, hier ihr Leben unbeschwert zu genießen, indem sie die Herren über den Park sind. Und über das Essen der Besucher. Denn mit Essbarem, und vermeintlich Ungenießbarem wie wichtigen Dokumenten, Hausarbeitenblättern etc. sollte man besser nicht über das riesige Gelände laufen. Besonders nicht zur Winterzeit, denn da sind die Tiere besonders hungrig.
So findet in der Winterzeit auch für einige wenige Wochen täglich ein spezielles Ereignis statt, welches Shikayose (鹿寄せ) genannt wird. Täglich werden die Hirsche im Nara-Park mit einem Trompetenhorn herbeigerufen, um sie dann in Gemeinschaft füttern zu können. Am diesem Tag soll es für dieses Jahr das letzte Mal sein.
Nein, da kommen keine 1200 Tiere auf einmal ;) Dazu ist der Park viel zu groß, insgesamt umfasst das Areal mehr als 6,5 Quadratkilometer. Aber es findet sich doch eine beträchtliche Gruppe an Tieren ein, um sich mit dem Futter des Horn-Bläsers und den Dutzenden Touristen vollzustopfen. Ganz besonders viel Spaß haben dabei die Kinder, die sich ein Spiel daraus machen, die Tiere mit dem Futter anzulocken und dann versuchen, sie wieder loszuwerden. Denn wenns ums Futter geht, sind die Hirsche hellwach und haben ihre Schnauzen überall. Auch geschlossene Taschen halten sie nicht wirklich auf, mittlerweile sind sie Meister darin, jeden noch so kleinen Brösel in den Hand- und Jackentaschen aufzuspüren und auch rauszuholen, wenns sein muss :) So rennen also die Kleinen durch die Mengen an Hirschen und füttern entweder was das Zeug hält, halten sich die hungrigen Mäuler mit abwehrenden Händen und "Ich hab nix"-Rufen vom Leib, oder machen mit großen Augen ersten Kontakt mit den so interessanten Wesen.
Eine ältere japanische Frau kommt mir lächelnd entgegen und spricht zu mir auf Englisch "Der Winter ist vorbei". Ja, genau so fühlt es sich an, heute, in dieser Szenerie, bei strahlendem Sonnenschein :)

Die Pflaumenblüten kündigen den Frühling an.

Hobby vieler Japaner: Das dokumentieren der verschiedenen Blütenschauen. Viele Hobbyfotografen sind hier mit beeindruckender Profiausstattung unterwegs.
Die verschiedenen Blütezeiten und deren Würdigung spielen in Japan eine bedeutende Rolle.

Nach diesem Schauspiel war noch mehr als genug Zeit, sehr gemütlich durch den Park zu schlendern und sich die blühenden Bäume anzusehen. Nein, Kirschblüten gab es keine zu sehen, dazu ist es noch zu früh um diese Zeit. Was man aber sehen kann, und das wissen die meisten Menschen außerhalb Japans gar nicht, bzw. sie kennen den Unterschied nicht, sind beispielsweise Pflaumenbaumblüten. Statt Kirschblütenschau nennt man das dann Pflaumenblütenschau (梅見, Umemi). Blüten dieser Art sind entweder Rosa, von zart bis kräftig, oder Weiß, und das ist die Falle, in die die meisten tappen. Um den Unterschied zu Kirschblüten festzustellen muss man auf die Form der Blütenblätter achten: Weiße Pflaumenblütenblätter sind deutlich runder als ihre berühmten Verwandten, die eine eher ovale Gestalt haben. Ja, ich habe es natürlich auch nicht vorher gewusst und mich über die ersten "Kirschblüten"bilder gefreut ;) Der Irrtum ist im Endeffekt aber völlig egal, denn so weiß man, dass man sich im Frühjahr auf mehr als nur eine Blütenschau freuen kann. So werden die Pflaumenblüten in diesen Tagen zu den Vorboten des anbrechenden Frühlings...

Die Brücke, die die beiden Seeufer und die Pagode miteinander verbinden.

Die Pagode in sprichwörtlich malerischer Landschaft...

... wird in Öl festgehalten. Im Hintergrund eine Rikscha.

Dabei habe ich mir unter anderem eine im See stehende Pagode genauer angesehen, die hier in dieser malerischen Landschaft eine wahrlich traumhafte Kulisse darstellt. Der kleine See ist mit einer weißen Brücke überspannt, die die Ufer und die Pagode miteinander verbindet. Im Wasser schwimmen große Fische, auf den Stegen wimmelt es von Menschen. Heute ist Feiertag, der Shunbun no hi (春分の日, Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche), und das merkt man auch, denn solche Gelegenheiten nutzen viele Japaner gerne, um sich die vielen tollen Sightseeing-Spots im Land anzusehen. Das Ufer rund um den See wird von vielen als Platz für die Mittagspause genutzt, und so sieht man an allen möglichen Plätzen Menschen mit ihren Bentō-Boxen (弁当, typisches japanisches Lunchpaket) im Gras und in der Sonne sitzen und gemütlich essen. Ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen und es ihnen gleich getan! Und so sitze ich hier am Seeufer und futtere gemütlich meine (gekaufte) Lunchbox und genieße einfach nur das tolle Wetter. Auf der anderen Seite steht ein älterer Herr am Rand des Sees und verewigt den Blick auf die Szenerie in Öl. Wundervoll!

Ein Panorama, welches versucht, den tollen Blick auf den See mit der Pagode einzufangen.

Nach meinem Lunch hatte ich noch große Lust, mir einen der vielen berühmten Tempel anzusehen. Ich habe mich nach kurzem Überlegen für den Berühmtesten entschieden, den Tōdai-ji (東大寺). Jener Tempel ist das Wahrzeichen der Stadt und ist daher auch oben im Header meines Blogs zu sehen. Allein der Gang zum Tempel ist schon beeindruckend, denn der führt durch ein großes Eingangstor, heute mehr als 800 Jahre alt ist. In den Seiten des Tores stehen zwei riesige Wächterstatuen, beide mehr als 8 Meter hoch. Doch das sind nur Peanuts gegen die Maße des Tempels an sich. Der Todaiji ist das größte aus Holz gebaute Gebäude der Welt, und mit seinen fast 50 Metern Höhe und 57 Metern Breite einfach nur gigantisch! Wenn man dann noch in Hinterkopf hat, dass das Gebäude vor seinem Wiederaufbau nach einem verheerenden Brand weitere 30% größer war, kann man nur noch ungläubig durch das Tor auf das Monument schauen und in Bewunderung verharren.

Auf dem Weg zum Todaiji ist ein reges Treiben. Vorbei an Souvenirläden geht es in Richtung des großen Eingangstores.

Auch hier tummeln sich die Hirsche und genießen die Sonne (oder kauen auf leckeren Absperrketten herum...)

Links: Der Felsen zeichnet dieses Areal als UNESCO-Weltkulturerbe aus. Rechts: Eine der zwei mächtigen Wächterfiguren in den Flanken des Eingangstores.

Vor dem eigentlichen Tor des Tempels werden Räucherstäbchen angebrannt. Das hat viele Bedeutungen, unter anderen dient es der Reinigung heiliger Orte.

Leider habe ich nicht den Tempel betreten, denn das ist ohne weiteres gegen einen geringen Eintrittspreis möglich. Doch um das genießen zu können, hat mir die Zeit gefehlt. So habe ich es an diesem Tag leider verpasst, die gigantische Buddhastatue im Inneren der Halle zu sehen, eine weitere, 16 Meter große Hauptattraktion. Doch ich werde ganz sicher nicht das letzte Mal in dieser atemberaubenden Stadt gewesen sein ;)

Der Todaiji in all seiner Mächtigkeit. Man beachte die Größenunterschiede der Menschen in den Eingängen im Vergleich zum Tempel. Wenn man diesen Anblick vor sich hat, muss man einfach Ehrfurcht verspüren.

Der Zeitplan meldet sich zu Wort, denn heute steht auch noch Kyoto auf dem Plan. Uff, ganz schön viel Kultur für einen Tag! Auch hierfür gibt es einen guten Grund: Heute ist der letzte Tag des Hanatouro (花灯路), einem mehrtägigen Lichterfest, welches rund um den Yasaka-Schrein, einem der größten in Japan, stattfindet. Ich wurde eingeladen, an diesem Trip teilzunehmen, der hauptsächlich für zwei Gastforscher aus Pakistan stattfindet, die an diesem Feiertag ein bisschen Sightseeing erleben sollen. Unser Ausflug beginnt mit dem Besuch des Kyoto Handicraft Centers, was im Prinzip eine mehrstöckige Ansammlung japanischen Kitschs ist. Neben vielem Touri-typischem Zeug gibt es hier aber insbesondere auch sehr hochwertige und hochpreisige Ware wie Bilder, Geschirr, handgemachte Puppen und dergleichen. Wer hier nicht nach einem Souvenir fündig wird, findet es wahrscheinlich nirgends... Der Besuch in einem traditionellen japanischen Restaurant lag mir aber noch ein ganzes Stückchen mehr. Die Räumlichkeiten befinden sich im Obergeschoss eines neuen, freistehenden Gebäudes mit Rundumblick auf das moderne Kyoto. Die Bedingungen sind in leichte Kimonos gehüllt, das Interieur ist gänzlich traditionell. Gegessen wird auf dem Boden sitzend, während aus den Lautsprechern sanft traditionell japanische Klänge erschallen. Das Essen schmeckt ebenso gut wie sich das Verweilen in dieser Atmosphäre anfühlt!

Tradition trifft auf Moderne in Kyoto. Wie fast überall in Japan, nur hier möglicherweise sogar deutlicher als anderswo, denn Kyoto ist gerade für seine große Anzahl an Tempeln und historischen Gebäuden bekannt.

Links: Schnappschuss aus dem Handicraft Center. Rechts: Im traditionellen Restaurant mit tollen Ausblick.

Eines der berühmtesten Kabuki-Theater Japans. Das Minamiza-Theater war das erste seiner Art.

Nach der Stärkung geht es auf besagtes Lichterfest. Das Eingangstor des Yasaka-Schreins passiert, fühlt man sich ein wenig wie auf einem Weihnachtsmarkt. Man schlängelt sich durch Scharen von Besuchern, vorbei an dutzenden Ständen, die allerlei Speisen anbieten. Am anderen Ende des Ständebereichs findet man einen größeren Hof vor, dessen Zentrum ein mit vielen Laternen behangenes Gebilde darstellt. An einer anderen Stelle hängen dicke Seile von einem Holzstand herab. Zieht man an ihnen, ertönt eine Glocke, danach kann man sein Gebet sprechen.

Laternen in einem großen Innenhof des Yasaka-Schreins.

Links: Die Seile mit den Glocken, die vor dem Gebet geläutet werden. Rechts: Blick von unten auf die Pagode des Yasaka-Schreins.

Links:  Einige der vielen verschiedenen Lichter, die zu diesem Lichterfest in und um den Schrein aufgestellt wurden. Rechts: Die berühmten drei Affen, die nichts böses sehen, hören und sagen. 

Ein weiteres traditionelles Viertel: Gion, das Stadtviertel der Geisha in Kyoto, möglicherweise das berühmteste in Japan.
Nochmal der Blick auf die Yasaka-Pagode.

Ab hier trifft man auch die Lichter an, die dem Fest seinen Namen geben. Entlang der Wege, an einigen Statuen und auch Bäumen finden sich aufgestellte und aufgehängte Lichter, die doch auch so ein bisschen an das Lichterfest im Elzpark erinnern. Nur, dass es in Mosbach keine Tempel gibt ;) Ein Highlight bildet die Schlussetappe unseres längeren Spaziergangs durch die sehr belebten Gassen dieses historischen Stadtgebiets. Dort überrascht uns (aber nicht unsere Tourplanerin) die Fünf-stöckige Pagode des Yasaka-Schreins. Hell erleuchtet ist der Anblick des 50 Meter hohen und fast 600 Jahre alten Gebäudes schon ein Spektakel, und man darf sich an dieser Stelle mal ehrlich darüber Gedanken machen, wie es möglich ist, solche Bauten zu errichten, die ganze Jahrhunderte überdauern und immer noch majestätisch aussehen...

Nach diesem wirklich langen und mit Programm prall gefüllten Tag war die zeitige Nachtruhe wahrlich verdient...