(Der Winter ist vorbei! So die Begrüßung einer freudigen, älteren Japanerin im Nara-Park, die bei strahlendem Sonnenschein sichtlich das "Deer gathering" genoss. Ebenso wie auch ich...)
[Nachtrag zum 19. und 20. März]
Vor zwei Wochen ging es für mich ins Rathaus von Ikoma und danach das erste mal rein nach Nara-Stadt. Der Grund des Rathausbesuchs war die Antragsstellung auf meine "Alien Registration". Jeder Ausländer, der länger als 90 Tage im Land bleiben will, benötigt eine Alien Registration Card, was im Prinzip so was ähnliches wie ein Personalausweis auf Zeit ist. Der Grund für den Nara-Trip war eine benötigte Erlaubnis für die Ausübung eines Teilzeitjobs. Vorige Woche fand die ICASSP in Kyoto statt, eine riesige internationale Konferenz, zu der ich auch als regulärer Besucher gegangen bin. Allerdings ergab sich für mich durch das NAIST auch die Möglichkeit, dort ein bisschen bei der Organisation mitzuhelfen, da das gesamte Labor in jene eingebunden war. Dazu jedoch in einem späteren Beitrag noch mehr...
So ging es also mit Matsuda-san nach dem Rathausbesuch per Bahn in die Hauptstadt der Präfektur, inklusive kleinem privaten Rundtrip. Da das Rathaus vom Bahnhof ein Stückchen weg ist, bietet sich das auch direkt an, denn an sich ist Nara in seiner Komplettheit eine Sehenswürdigkeit! Kaum aus dem Bahnhof raus, gings auch direkt durch ein Parkgelände, vorbei an einer großen, mehrstöckigen Pagode, die geradewegs aus einem Bilderbuch stammen könnte. Und ich denke mir nur, so etwas unvorbereitet auf diesen Anblick, ja, das ist Japan! Ein waschechter Aha-Effekt sozusagen. Unvorbereitet war ich dann auch tatsächlich nicht nur im Geiste. Sonst immer im Gepäck, habe ich an jenem Tag natürlich keine Kamera dabei. Nicht unbedingt ärgerlich, da der Plan bereits stand, am Folgetag nochmal nach Nara zu fahren, dennoch etwas doof, denn auf dem Weg hätte es so einiges zu Fotografieren gegeben. Nachdem es durch Naramachi, einem historischen Stadtgebiet mit vielen schmalen Gässchen, alten Häusern und hunderten kleinen Läden, Geschäften und Lokalen ging (von denen eines für die Mittagspause herhalten musste), sollte dann auch der Bürokratieteil erledigt werden. Der Rückweg zum Bahnhof wurde durch den wunderschönen Nara-Park genommen, der neben seinen Tempeln besonders für die Hirsche bekannt ist, die sich hier völlig frei bewegen können.


Links: Der Horn-Bläser füttert die Tiere, die sich nach dem Herbeirufen um ihn gescharrt haben. Rechts: Keine Tasche ist vor den hungrigen Hirschen sicher.
Links: Das Spiel mit den Tieren macht besonders den Kindern Spaß. Rechts: Beute gewittert...
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| Erster Berührungskontakt mit den zahmen Tieren. |
Jene waren nämlich genau der Grund, warum ich am Folgetag gleich nochmal nach Nara gefahren bin, diesmal ausschließlich als Touri ;) Also, wie gesagt ist der Nara-Park berühmt für die Nara-Hirsche, die sich auf dem kompletten Gelände völlig frei bewegen können, und darüber hinaus. Daher sind die Straßen gesäumt mit Warnschildern, die zu achtsamem Fahren auffordern. Nicht ohne Grund, denn die Hirsche sind echt überall... Und wenn ich Hirsche sage, meine ich nicht ein paar, sondern hunderte, um genau zu sein 1200 Tiere. Natürlich rankt sich eine Geschichte um sie. Man sagt, dass die Götter auf den Rücken der Hirsche nach Nara gekommen sind, und so sind die Tiere selbst in gewisser Weise göttlich. Daher haben sie das Recht, hier ihr Leben unbeschwert zu genießen, indem sie die Herren über den Park sind. Und über das Essen der Besucher. Denn mit Essbarem, und vermeintlich Ungenießbarem wie wichtigen Dokumenten, Hausarbeitenblättern etc. sollte man besser nicht über das riesige Gelände laufen. Besonders nicht zur Winterzeit, denn da sind die Tiere besonders hungrig.
So findet in der Winterzeit auch für einige wenige Wochen täglich ein spezielles Ereignis statt, welches Shikayose (鹿寄せ) genannt wird. Täglich werden die Hirsche im Nara-Park mit einem Trompetenhorn herbeigerufen, um sie dann in Gemeinschaft füttern zu können. Am diesem Tag soll es für dieses Jahr das letzte Mal sein.
Nein, da kommen keine 1200 Tiere auf einmal ;) Dazu ist der Park viel zu groß, insgesamt umfasst das Areal mehr als 6,5 Quadratkilometer. Aber es findet sich doch eine beträchtliche Gruppe an Tieren ein, um sich mit dem Futter des Horn-Bläsers und den Dutzenden Touristen vollzustopfen. Ganz besonders viel Spaß haben dabei die Kinder, die sich ein Spiel daraus machen, die Tiere mit dem Futter anzulocken und dann versuchen, sie wieder loszuwerden. Denn wenns ums Futter geht, sind die Hirsche hellwach und haben ihre Schnauzen überall. Auch geschlossene Taschen halten sie nicht wirklich auf, mittlerweile sind sie Meister darin, jeden noch so kleinen Brösel in den Hand- und Jackentaschen aufzuspüren und auch rauszuholen, wenns sein muss :) So rennen also die Kleinen durch die Mengen an Hirschen und füttern entweder was das Zeug hält, halten sich die hungrigen Mäuler mit abwehrenden Händen und "Ich hab nix"-Rufen vom Leib, oder machen mit großen Augen ersten Kontakt mit den so interessanten Wesen.
Eine ältere japanische Frau kommt mir lächelnd entgegen und spricht zu mir auf Englisch "Der Winter ist vorbei". Ja, genau so fühlt es sich an, heute, in dieser Szenerie, bei strahlendem Sonnenschein :)


Die Pflaumenblüten kündigen den Frühling an.
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| Hobby vieler Japaner: Das dokumentieren der verschiedenen Blütenschauen. Viele Hobbyfotografen sind hier mit beeindruckender Profiausstattung unterwegs. |
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| Die verschiedenen Blütezeiten und deren Würdigung spielen in Japan eine bedeutende Rolle. |
Nach diesem Schauspiel war noch mehr als genug Zeit, sehr gemütlich durch den Park zu schlendern und sich die blühenden Bäume anzusehen. Nein, Kirschblüten gab es keine zu sehen, dazu ist es noch zu früh um diese Zeit. Was man aber sehen kann, und das wissen die meisten Menschen außerhalb Japans gar nicht, bzw. sie kennen den Unterschied nicht, sind beispielsweise Pflaumenbaumblüten. Statt Kirschblütenschau nennt man das dann Pflaumenblütenschau (梅見, Umemi). Blüten dieser Art sind entweder Rosa, von zart bis kräftig, oder Weiß, und das ist die Falle, in die die meisten tappen. Um den Unterschied zu Kirschblüten festzustellen muss man auf die Form der Blütenblätter achten: Weiße Pflaumenblütenblätter sind deutlich runder als ihre berühmten Verwandten, die eine eher ovale Gestalt haben. Ja, ich habe es natürlich auch nicht vorher gewusst und mich über die ersten "Kirschblüten"bilder gefreut ;) Der Irrtum ist im Endeffekt aber völlig egal, denn so weiß man, dass man sich im Frühjahr auf mehr als nur eine Blütenschau freuen kann. So werden die Pflaumenblüten in diesen Tagen zu den Vorboten des anbrechenden Frühlings...


Die Brücke, die die beiden Seeufer und die Pagode miteinander verbinden.
Die Pagode in sprichwörtlich malerischer Landschaft...
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... wird in Öl festgehalten. Im Hintergrund eine Rikscha.
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Dabei habe ich mir unter anderem eine im See stehende Pagode genauer angesehen, die hier in dieser malerischen Landschaft eine wahrlich traumhafte Kulisse darstellt. Der kleine See ist mit einer weißen Brücke überspannt, die die Ufer und die Pagode miteinander verbindet. Im Wasser schwimmen große Fische, auf den Stegen wimmelt es von Menschen. Heute ist Feiertag, der Shunbun no hi (春分の日, Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche), und das merkt man auch, denn solche Gelegenheiten nutzen viele Japaner gerne, um sich die vielen tollen Sightseeing-Spots im Land anzusehen. Das Ufer rund um den See wird von vielen als Platz für die Mittagspause genutzt, und so sieht man an allen möglichen Plätzen Menschen mit ihren Bentō-Boxen (弁当, typisches japanisches Lunchpaket) im Gras und in der Sonne sitzen und gemütlich essen. Ich habe es mir natürlich nicht nehmen lassen und es ihnen gleich getan! Und so sitze ich hier am Seeufer und futtere gemütlich meine (gekaufte) Lunchbox und genieße einfach nur das tolle Wetter. Auf der anderen Seite steht ein älterer Herr am Rand des Sees und verewigt den Blick auf die Szenerie in Öl. Wundervoll!
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| Ein Panorama, welches versucht, den tollen Blick auf den See mit der Pagode einzufangen. |
Nach meinem Lunch hatte ich noch große Lust, mir einen der vielen berühmten Tempel anzusehen. Ich habe mich nach kurzem Überlegen für den Berühmtesten entschieden, den Tōdai-ji (東大寺). Jener Tempel ist das Wahrzeichen der Stadt und ist daher auch oben im Header meines Blogs zu sehen. Allein der Gang zum Tempel ist schon beeindruckend, denn der führt durch ein großes Eingangstor, heute mehr als 800 Jahre alt ist. In den Seiten des Tores stehen zwei riesige Wächterstatuen, beide mehr als 8 Meter hoch. Doch das sind nur Peanuts gegen die Maße des Tempels an sich. Der Todaiji ist das größte aus Holz gebaute Gebäude der Welt, und mit seinen fast 50 Metern Höhe und 57 Metern Breite einfach nur gigantisch! Wenn man dann noch in Hinterkopf hat, dass das Gebäude vor seinem Wiederaufbau nach einem verheerenden Brand weitere 30% größer war, kann man nur noch ungläubig durch das Tor auf das Monument schauen und in Bewunderung verharren.


Auf dem Weg zum Todaiji ist ein reges Treiben. Vorbei an Souvenirläden geht es in Richtung des großen Eingangstores.
Auch hier tummeln sich die Hirsche und genießen die Sonne (oder kauen auf leckeren Absperrketten herum...)
Links: Der Felsen zeichnet dieses Areal als UNESCO-Weltkulturerbe aus. Rechts: Eine der zwei mächtigen Wächterfiguren in den Flanken des Eingangstores.
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| Vor dem eigentlichen Tor des Tempels werden Räucherstäbchen angebrannt. Das hat viele Bedeutungen, unter anderen dient es der Reinigung heiliger Orte. |
Leider habe ich nicht den Tempel betreten, denn das ist ohne weiteres gegen einen geringen Eintrittspreis möglich. Doch um das genießen zu können, hat mir die Zeit gefehlt. So habe ich es an diesem Tag leider verpasst, die gigantische Buddhastatue im Inneren der Halle zu sehen, eine weitere, 16 Meter große Hauptattraktion. Doch ich werde ganz sicher nicht das letzte Mal in dieser atemberaubenden Stadt gewesen sein ;)
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| Der Todaiji in all seiner Mächtigkeit. Man beachte die Größenunterschiede der Menschen in den Eingängen im Vergleich zum Tempel. Wenn man diesen Anblick vor sich hat, muss man einfach Ehrfurcht verspüren. |
Der Zeitplan meldet sich zu Wort, denn heute steht auch noch Kyoto auf dem Plan. Uff, ganz schön viel Kultur für einen Tag! Auch hierfür gibt es einen guten Grund: Heute ist der letzte Tag des Hanatouro (花灯路), einem mehrtägigen Lichterfest, welches rund um den Yasaka-Schrein, einem der größten in Japan, stattfindet. Ich wurde eingeladen, an diesem Trip teilzunehmen, der hauptsächlich für zwei Gastforscher aus Pakistan stattfindet, die an diesem Feiertag ein bisschen Sightseeing erleben sollen. Unser Ausflug beginnt mit dem Besuch des Kyoto Handicraft Centers, was im Prinzip eine mehrstöckige Ansammlung japanischen Kitschs ist. Neben vielem Touri-typischem Zeug gibt es hier aber insbesondere auch sehr hochwertige und hochpreisige Ware wie Bilder, Geschirr, handgemachte Puppen und dergleichen. Wer hier nicht nach einem Souvenir fündig wird, findet es wahrscheinlich nirgends... Der Besuch in einem traditionellen japanischen Restaurant lag mir aber noch ein ganzes Stückchen mehr. Die Räumlichkeiten befinden sich im Obergeschoss eines neuen, freistehenden Gebäudes mit Rundumblick auf das moderne Kyoto. Die Bedingungen sind in leichte Kimonos gehüllt, das Interieur ist gänzlich traditionell. Gegessen wird auf dem Boden sitzend, während aus den Lautsprechern sanft traditionell japanische Klänge erschallen. Das Essen schmeckt ebenso gut wie sich das Verweilen in dieser Atmosphäre anfühlt!


Tradition trifft auf Moderne in Kyoto. Wie fast überall in Japan, nur hier möglicherweise sogar deutlicher als anderswo, denn Kyoto ist gerade für seine große Anzahl an Tempeln und historischen Gebäuden bekannt.
Links: Schnappschuss aus dem Handicraft Center. Rechts: Im traditionellen Restaurant mit tollen Ausblick.
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| Eines der berühmtesten Kabuki-Theater Japans. Das Minamiza-Theater war das erste seiner Art. |
Nach der Stärkung geht es auf besagtes Lichterfest. Das Eingangstor des Yasaka-Schreins passiert, fühlt man sich ein wenig wie auf einem Weihnachtsmarkt. Man schlängelt sich durch Scharen von Besuchern, vorbei an dutzenden Ständen, die allerlei Speisen anbieten. Am anderen Ende des Ständebereichs findet man einen größeren Hof vor, dessen Zentrum ein mit vielen Laternen behangenes Gebilde darstellt. An einer anderen Stelle hängen dicke Seile von einem Holzstand herab. Zieht man an ihnen, ertönt eine Glocke, danach kann man sein Gebet sprechen.
Laternen in einem großen Innenhof des Yasaka-Schreins.
Links: Die Seile mit den Glocken, die vor dem Gebet geläutet werden. Rechts: Blick von unten auf die Pagode des Yasaka-Schreins.
Links: Einige der vielen verschiedenen Lichter, die zu diesem Lichterfest in und um den Schrein aufgestellt wurden. Rechts: Die berühmten drei Affen, die nichts böses sehen, hören und sagen.
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| Ein weiteres traditionelles Viertel: Gion, das Stadtviertel der Geisha in Kyoto, möglicherweise das berühmteste in Japan. |
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| Nochmal der Blick auf die Yasaka-Pagode. |
Ab hier trifft man auch die Lichter an, die dem Fest seinen Namen geben. Entlang der Wege, an einigen Statuen und auch Bäumen finden sich aufgestellte und aufgehängte Lichter, die doch auch so ein bisschen an das Lichterfest im Elzpark erinnern. Nur, dass es in Mosbach keine Tempel gibt ;) Ein Highlight bildet die Schlussetappe unseres längeren Spaziergangs durch die sehr belebten Gassen dieses historischen Stadtgebiets. Dort überrascht uns (aber nicht unsere Tourplanerin) die Fünf-stöckige Pagode des Yasaka-Schreins. Hell erleuchtet ist der Anblick des 50 Meter hohen und fast 600 Jahre alten Gebäudes schon ein Spektakel, und man darf sich an dieser Stelle mal ehrlich darüber Gedanken machen, wie es möglich ist, solche Bauten zu errichten, die ganze Jahrhunderte überdauern und immer noch majestätisch aussehen...
Nach diesem wirklich langen und mit Programm prall gefüllten Tag war die zeitige Nachtruhe wahrlich verdient...