Dienstag, 10. April 2012

Next stop is Kokusaikaikan!

(Oder auf "westlich": das Kyoto International Conference Center, für eine Woche meine Endstation im Norden Kyotos, die in dieser Touristenstadt gerne auch zweisprachig angekündigt wird)

[Nachtrag zum Ende März] ich hole auf! ;)

Die Tage vor dem 25. März waren gefüllt mit Vorbereitungsmaßnahmen für die ICASSP 2012. Diese Abkürzung steht für den griffigen Namen "IEEE International Conference on Acoustics, Speech and Signal Processing" und betitelt die weltgrößte internationale Konferenz im Bereich der Signalverarbeitung, zu der dieses Jahr auch ich gehen darf. Was habe ich denn da zu suchen? Glücklicherweise war es mir gegönnt, im Rahmen meines Studiums eine Arbeit verfassen zu können, mit der ich mich für eine Posterpräsentation qualifizieren konnte. Eben jenes Poster brauchte in den letzten Tagen noch den gewissen Feinschliff und einige Überlegungen für die kurze Präsentation.

In dieser Zeit habe ich übrigens auch - aber nicht wegen des Posters - einen neuen, vielleicht nicht ganz nacheifertauglichen Rekord aufgestellt: Mit der Zeit passt man sich so ein wenig an die Arbeitsweisen der japanischen Studenten an. Und das schließt mit ein, auch mal deutlich bis nach "deutschen" Feierabenden weiterzuarbeiten. So habe ich es doch tatsächlich schon fertiggebracht, das Labor um halb 12 zu verlassen. Nachts. Und dann war ich noch lange nicht derjenige, der das Licht auszumachen hatte ;) Ja, es kommt eigentlich täglich vor, dass bis Nachts und auch bis nach Mitternacht noch irgendjemand im Institut sitzt und weiterarbeitet, auch am Wochenende. Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass vor 11 Uhr morgens sich kaum ein Student an seinen Arbeitsplatz verirrt.
So weit will ich es aber auf keinen Fall kommen lassen, vielmehr besteht mein Plan darin, unter der Woche mein Pensum nach japanischen Maßstäben zu erfüllen, um dann das Wochenende frei halten zu können. Und das klappt soweit auch ganz gut.


Links: Im Hintergrund sitzt eine der beiden Absolventen, gekleidet in einem Kimono für besondere Anlässe dieser Art. Rechts: Moriguchi-san, Kano-san und Yu-san ;)

Die schon erwähnten japanischen Tischmanieren: Man schenkt sich nicht selbst ein, sondern wartet, bis einem eingeschenkt wird. Sowohl der Gebende als auch der Empfangende verwendet jeweils beide Hände. 
Links: Die Bedienung taucht rohes, sehr dünn geschnittenes Rindfleisch in kochendes Wasser. Rechts: Mein eigener Versuch...


Ebenfalls in dieser Woche wurden die Absolventen dieses Jahres verabschiedet, und auch das Lab, in dem ich arbeite, hat zwei Abgänger zu verzeichnen. Grund genug, mal wieder königlich essen zu gehen! Das Essen in geselliger Runde im traditionellen Restaurant war der hohen Qualität entsprechend hochpreisig, dafür aber weit entfernt von alltäglich! Statt importiertem Ami-Beef gab es hier u.a. echtes japanisches Rind, das leisten sich auch Japaner nicht allzu oft. Als Abschiedsgeschenke gabs für die beiden übrigens Visitenkarten-Etuis - absolute Grundausrüstung für jeden berufstätigen Japaner! - und für den Herren in der Runde ein Zippo. Und das erwähne ich nur deshalb, weil es anders als vielleicht bei uns hier was ziemlich Besonderes zu sein scheint, wie seine Reaktion vermuten ließ. Einige Tage später beim Durchschlendern eines Kaufhauses hat sich der Eindruck bestätigt, als ich die umgerechnet locker 3-stelligen Beträge für die Dinger in Standardausführung gesehen habe...

Links: Meine "My Hashi" im modernen Design. Muss ja nicht immer nach Klischee aussehen. Rechts: Der Kyoto Tower ragt 131 Meter in die Höhe. 

Links: der erste von zwei Zwillingstempeln. Rechts: Das Gegenstück ist versteckt hinter einem Vollmantelgerüst. So sieht es aus, wenn Tempel renoviert werden :)  

Rechts: Detail der schönen Verzierungen. Im Inneren des Tempels war fotografieren verboten. Rechts: Ein Vogel beobachtet den Eingang des Tempelareals. Im Hintergrund der Kyoto Tower.


Auf dieser kleinen Window-Shopping-Tour habe ich mir auch eine Kleinigkeit gegönnt: Meine eigenen Essstächen. Nötig wäre das sicher nicht gewesen, denn an Stäbchen hat man hier keinen Mangel, die bekommt man zu jedem Essen immer dazu, egal ob im Restaurant oder im Supermarkt. Genau das ist aber auch der Knackpunkt: Diese sogenannten Waribashi (割り箸, Wegwerfstäbchen) werden, wie der Name schon verrät, nach einmaligem Gebrauch in die Tonne gehauen. Auf diese Weise werden in Japan pro Jahr unglaubliche 24 Milliarden (!!!) Stäbchenpaare verbraucht. Das entspricht einer geschätzen Menge von 25 Millionen voll ausgewachsenen Bäumen, die pro Jahr gefällt werden [1].
Und weil mir solche Zahlen sehr unangenehm aufstoßen und ich mich auch schon von Anfang an jedes mal unwohl gefühlt habe, wenn ich die Dinger nach einem mal Benutzen ent-sorgen (seltsames Wort übrigens) musste, habe ich mich entschieden, mir "My Hashi" (dt. "meine Stäbchen") zuzulegen, wie sie hier so schön genannt werden.
Wenn ich sie jetzt nicht ständig vergessen würde, wäre mein Vorsatz doch absolut ehrenwert, was? ;)

Der Blick in Richtung Haupteingang des Kyoto International Conference Centers.

Die Konferenz begann offiziell am 25., doch die Studenten aus dem Lab und auch ich waren schon den Tag davor unterwegs nach Kyoto: Da unser Professor einer der Hauptverantwortlichen dieser Veranstaltung ist, wurden seine Schützlinge und auch Studenten anderer beteiligter Labs in die Organisation mit eingespannt, was mir ebenfalls die Möglichkeit gab, mich im Rahmen eines kleinen Jobs zu beteiligen.
Veranstaltungsort der diesjährigen ICASSP ist das Kyoto International Conference Center. Ein Ort mit nicht geringer historischer Relevanz, denn in den Hallen des Konferenzzentrums wurde das berühmte Kyoto-Protokoll geboren! So frage ich mich dann im Laufe der ein oder anderen Vortrags-Session, welcher wichtige Hintern da wohl mal in dem Sitz ruhte, den ich gerade in Beschlag genommen habe ;)
Meine Aufgabe am 24. war grob umrissen mit "Vorbereitungen". Und so begebe ich mich mit Yu-san leicht verspätet in den Raum, in dem sich unser Professor aufhält, mit vielen weiteren vermutlich sehr wichtigen Leuten, die dabei sind Interna zu klären, mit denen wir gar nix anfangen können. Bis wir dann nach einer halben Stunde so langsam merken, wir sind hier nicht ganz richtig... also heißt es, möglichst unauffällig aus dem Raum kommen und unseren eigentlichen Einsatzort finden. Ups.
Den finden wir dann auch, und plötzlich macht unsere Anwesenheit dann auch viel mehr Sinn: Wir sind mit einem Dutzend weiterer fleißiger Helfer für die Befüllung der Konferenz-Begrüßungs-Taschen zuständig! Es fällt schwer, nicht über den Fehler zu lachen, auch wenn Yu-san schon Angst und Bange vor der Laune des Professors ist.
Doch nachdem die wahrscheinlich unglaublich wichtige Sitzung vorbei ist, gesellt eben jener sich zu uns, fragt grinsend "Do you shopping?", und packt selbst mit an ;)


Links: Das Kyoto ICC. Rechts: 世界は一つ (Sekai wa hitotsu, "Die Welt ist eins"), Gedenkstein an der Allee Richtung Konferenzzentrum. 

Rechts: Schild der ICASSP 2012 am Eingang. Rechts: Blick in den Hauptsaal des ICC. Hier saßen schon die Politiker der Welt, um das Kyoto-Protokoll zu verfassen.


Vom 25. bis 30. war ich dann regulärer Besucher der Konferenz. Am dritten Tag gab es ein offizielles Eröffnungsprogramm (die ersten beiden Tage umfassten registrierungspflichtige Sonderprogramme), an dem frei Sake ausgeschenkt wurde und Maikos (Geisha-Anwärterinnen) mit Shamisen und Shakuhachi (Zupfinstrument und Flöte) traditionelle japanische Klänge ertönen ließen.
Der Veranstaltungsort versprüht über die gesamte Konferenz übrigens seinen ganz eigenen Charme. Das Gebäude besitzt mit seinem hexagonalen Design im Kernbereich kaum vertikale Wände und atmet im Verbindung dem mattgrünen Teppichboden die Ästhetik einer anderen Zeit...

Panorama auf das ICC und einen Teil der zugehörigen  Parkanlage.
Während der Eröffnungszeremonie: Flöte ...

... und Shamisen werden traditionelle japanische Klänge entlockt.


Zusätzlich besticht das Konferenzzentrum mit seiner Lage in einem unglaublich schönen Landschaftsstrich! Um das ICC herum erheben sich bewaldete Hügel, ein kleiner Fluss durchzieht das Gelände, hinter dem ICC-eigenen wunderschön angelegten Privatpark befindet sich ein öffentlich zugänglicher See, ebenfalls in einem Park gelegen. Das alles mit fabelhaftem Wetter an den meisten Tagen macht definitiv gute Laune. Und in der Tat, auch unter Japanern ist dieses am Nordrand Kyotos gelegene Gebiet als Ausflugs- und Wanderziel sehr beliebt und wird auch in einschlägigen Reiseführern wärmstens empfohlen.

Links: Blick auf die Parkanlage. Rechts: Kois im Teich. 

Links: Klassisches "ich war hier"-Bild. Rechts: Ein Blick ins Innere des Haupt-Foyers. Man kann erahnen, in welcher Zeit das ICC entworfen wurde... 

Das Besondere an der Architektur ist ihre hexagonale Gestaltung.

Ein bisschen mulmig ist mir ja schon mitten in dieser Schar von super-intelligenten super-wichtigen Leuten, deren Namen ich von Autorenlisten von Papern und Büchern kenne, die ich für Prüfungen und meine eigene Arbeit lesen musste... und dann muss ich mich auch noch vor ein Poster stellen und hoffen, dass keine vernichtenden Fragen kommen, die mich im Erdboden versinken lassen ;)
Wie es das Schicksal so will, wurde für mich aus einer Posterpräsentation gleich zwei: Für einen Kollegen, der leider nicht teilnehmen konnte, musste ein Ersatz her, und der war ich (freiwilligerweise). Alles in allem war das eine tolle Sache, denn so hatte ich schonmal so etwas wie einen Probedurchgang, nur mit anderem Thema. Und der hat auch noch ganz gut geklappt. Man muss sich diese 2-stündige Posterpräsentation so vorstellen, als würde man etwa 25 mal das gleiche Minireferat hintereinander abhalten. Und so fühlen sich dann am Ende auch die untrainierten Stimmbänder entsprechend geschunden an.

Beim Ramen-Essen im 10. Stock...

Auf der Konferenz waren jeden Tag Studenten meines Labs unterwegs, sowohl als Mithelfer als auch als Teilnehmer. Und so gab es auch immer lustige Feierabende. Einmal bin ich mit Takamichi-san nach hause geradelt, d.h. ich bin geradelt, und er ist gejoggt, 2 km weit, im Anzug wohlgemerkt, um dann noch die Nacht im Labor durchzumachen, weil er eine wichtige Deadline zu erfüllen hatte. Ein anderes mal gings mit Odagaki-san in ein Ramen-Restaurant im 10. Stock des Kyoto'er Hauptbahnhofs, einem modernen Monumentalbau. Und am Abend vor meiner eigenen Postersession sind wir in der Gruppe doch glatt nochmal Ramen essen gegangen, nein, kein normales, es musste schon eins mit Knoblauch sein! Ob das eine gute Idee war?


Bei meiner eigenen Präsentation.

Meine Postersession am letzen Tag im letzten Slot habe ich jedenfalls gut rumgebracht, ohne dass jemand in Ohnmacht flog. Man hat der Menge an Leuten im Poster-Bereich aber auch angemerkt, dass die letzten beiden Stunden dieser Veranstaltung angebrochen waren, denn die Reihen haben sich doch deutlich gelichtet. So bin dann aber auch ich froh, als es heißt: Feierabend! Nicht, weil es nicht Spaß gemacht hätte, ganz im Gegenteil, es war ein sehr bereicherndes und ebenso privilegiertes Erlebnis hier teilgenommen haben zu dürfen! Doch nach 5 Tagen Pendelei zwischen Ikoma und Kyoto (immerhin 3 Stunden Zugfahrt pro Tag) muss so einiges an Schlaf nachgeholt werden. Auf der anderen Seite fühlte es sich am letzen Tag schon ziemlich cool an sagen zu können, "ich fahr dann mal eben heim", statt "ich flieg dann mal zurück" :)

Okonomiyaki-Party, oder: Wie viel kann man in 4 Stunden futtern? Ne ganze Menge! 
Links: Matthias beim Wenden eines Riesen-Okonomiyaki. Rechts: Die Pfanne bleibt nie lange leer...


Mein Geburtstag klang schließlich noch im Institut aus mit einer Okonomiyaki-Party, was quasi ein 4-stündiges (gemütliches!) Ess-Gelage war, in geselliger und um eine Person angewachsene Runde: Matthias, einer meiner Mitstudenten aus Karlsruhe, ist den Tag zuvor angekommen! Zu zweit sind wir, das heißt die deutschen Austausch-Pioniere im Nakamura-Lab, nun also nach diesem meinem ersten Monat komplett.

Und noch ein besonderes Ereignis sollte sich an diesem Abend ereignen: Mein erstes selbsterlebtes Erdbeben ^^ Jaa, ok, im 7. Stock sitzend ist das schon fast geschummelt, denn in solchen Höhen merkt man auch die kleinsten Erschütterungen, und ich als noch Unerfahrener war auch derjenige, der es als erstes spürte. Hätte ich nichts gesagt, wäre es vielleicht niemandem aufgefallen. Wie auch ich die ersten paar Erdbeben, die es seit meiner Ankunft gab nicht gespürt habe... Davon gab es nämlich schon mindestens zwei spürbare, so sagte man mir...


Quellenverzeichnis:
[1] http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Chopsticks&oldid=486160916

4 Kommentare:

  1. Alles Gute nachträglich!

    Mmmh, so ein Okonomiyaki hätt ich auch gern...

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    1. Vielen Dank! :)

      Ja, Die Dinger schmecken echt klasse, muss ich sagen! Vor allem gibts ewig viele Variationen davon, ich glaub, da gibts noch viel auszuprobieren ^^

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  2. Coole Sache mit der Konferenz! Da konntest du ja schonmal ins zukünftige Wissenschaftlerleben reinschnuppern ;)

    Mein Studienarbeitsthema wäre auch fast veröffentlichungswürdig gewesen... wäre da nicht jemand anderes gewesen, der ganz unabhängig von mir quasi das gleiche Ergebnis kurz vorm Ende meiner Arbeit veröffentlichen musste ^^
    Naja, so kanns gehen - und sowas kommt sicherlich nocht öfter vor ;)

    Deine Motivation eigene Essstäbchen zu kaufen, kann ich gut verstehe und ich hätte das vermutlich auch gemacht. Gut so!

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    1. Das war schon ein Erlebnis, ja...

      Boah, das hört sich ja mal richtig ärgerlich an! Aber kannste das nicht trotzdem veröffentlichen? Ich mein, ist ja der Normalfall, dass es ähnliche Arbeiten gibt, das macht doch eigentlich nix?

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