Donnerstag, 8. Juni 2023

Mein erster Tag in Tokyo

 Nach drei Monaten in Japan war es endlich Zeit für meinen ersten Trip nach Tokyo, eine der ikonischsten Städte der Welt...

[8. Juni 2012]

Auf einen besonderen Trip habe ich mich eine Woche danach begeben, es sollte zum ersten Mal nach Tokyo gehen. Für die meisten ist diese Megametropole - die Metropolregion Tokyo ist die größte der Welt - ja das Herz Japans, und so war natürlich auch ich gespannt, diesen Ort endlich selbst zu besuchen. Bei der Bewerbung auf den Auslandsaufenthalt während des Studiums gab es zwei Optionen für Japan, das NAIST im Süden, wo ich letztlich gelandet bin, oder die Waseda-Universität in Tokyo. In Waseda ist der Schwerpunkt eher auf Robotik, und so war forschungstechnisch das kleinere NAIST interessanter für mich. Mein Betreuer hat mir allerdings den Süden zusätzlich noch ans Herz gelegt, da die Gegend seiner Meinung nach interessanter sei und damit auch einen besseren Eindruck vom Land bieten würde, Tokyo dagegen ist und bleibt am Ende eben eine gigantische Stadt. Und dennoch eine Stadt mit hoher Anziehungskraft, auch für mich...

Als Student mit knappem Budget konnte ich mir den Shinkansen, also den Schnellzug, nach Tokyo nicht einfach mal so leisten, also musste eine günstigere Alternative her. Es wurde mir von Studenten, die oft für Jobinterviews nach Tokyo tingeln der Nachtbus empfohlen. Mit beschränkten Sprachkenntnissen ist die Buchung allerdings nicht ganz einfach. Glücklicherweise gibt es in Japan einen großen national operierenden Anbieter, der seine Dienste auch auf Englisch zur Verfügung stellt, und das hat die ganze Geschichte erheblich vereinfacht. Den "Willer Express-"Nachtbus für 8400¥ hin und zurück habe ich somit glücklicherweise bequem online buchen und dann im nahelgelegenen Lawson-Konbini bezahlen können. Freundlicherweise durfte ich mir für den Trip einen Freitag frei nehmen, und so habe ich mich am 7. Nachts von Namba mit dem Bus auf den Weg gemacht, Endstation Tokyo Disneyland, Fahrtzeit 10 Stunden. Wie eine solche Reise durch die Nacht aussieht, wusste ich ja schon vom Skitrip, den ich in den ersten Tagen in Japan mitgemacht habe. Alle paar Stunden verlässt der Bus den Highway, um auf Raststätten zu halten, die einem eine kurze Auszeit, eine Mahlzeit oder Snack, und natürlich jede Menge Omiyage (Reise-Souvenirs, meistens essbar) (an)bieten. Zur Morgendämmerung rollte ich mit dem Bus bereits durch den Tokyoter Häuserdschungel, und gerade aus meinem nicht allzu komfortablen Schlaf erwacht spähte ich ganz neugierig aus dem Fenster und habe den Sonnenaufgang genossen. Der erste Anblick der teils hochmodernen Hochhäuser, extravaganten Fassaden weltbekannter Firmen-Hauptquartiere, Highways die sich vierfach übereinander lagern, der vorbeischnellenden Hochgeschwindigkeitszüge, das alles hat mich sehr fasziniert. Obwohl ich das alles ja schon von Osaka kannte, war die simple Tatsache, dass ich nun durch Tokyo fahre, irgendwie ganz von neuem aufregend. 


Ankunft am Tokyo Disneyland, leider nicht Teil meines kurzen Trips


Der Themenpark war nicht Teil meines Trips, sondern nur der an meiner Unterkunft am nächsten gelegene Stop. Von dort aus dauerte es mit dem Regionalzug noch einmal fast eine Stunde, bis ich endlich an meinem Ziel angekommen bin. Aus Budget- und aus planerischen Gründen habe ich mir ein Bett im Chiba-shi Youth Hostel, einer Jugendherberge in Chiba - eine der zahlreichen Satellitenstädte Tokyos - gebucht. Für solche Gelegenheiten hatte ich mir in Deutschland sogar noch einen Jugendherbergsausweis besorgt! Zu meinem Glück war die Herberge an dem Wochenende nicht sehr stark besucht, und so hatte ich das komplette Wochenende über ein Mehrbettzimmer ganz für mich alleine. Chiba habe ich mir auch deshalb als Bleibe ausgesucht, da am Samstag dieses Wochenendes in der Makuhari-Messe an der Küste Chibas ein großes Jubiläumskonzert einer meiner absoluten japanischen Lieblingsbands stattfand. Doch zuerst stand Sightseeing auf dem Plan! Ich war bereits gegen 10 Uhr an der Herberge, Zeit war also noch genug vorhanden, etwas die Megastadt zu erkunden. Also mit dem Zug zurück ins große Getümmel.


Links: Ein getunter VW Käfer macht die Straßen von Tokyo unsicher. Rechts: Der frisch eröffnete Sky Tree ist schon von Weitem über den Dächern Tokyos sichtbar.


Als ersten Anlaufpunkt habe ich mir Asakusa ausgesucht, ein Distrikt etwas nördlich des Herzens von Tokyo, welcher mit einigen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt aufwartet. Die Haltestelle, an der ich ausgestiegen bin war Asakusabashi, welche noch ein gutes Stück südlich von dem Ort liegt, zu dem ich eigentlich wollte. An neuen Orten laufe ich gerne viele Strecken, statt den Nahverkehr zu nehmen, ich mag einfach die langsamere Geschwindigkeit und die Eindrücke, die man bei so einem Spaziergang mitnimmt lieber als das schnellere Ankommen am Ziel. So habe ich mich auf den Weg gemacht, mit einer Unterbrechung für das Mittagessen. Dafür habe ich mir einen sehr unscheinbaren kleinen Laden im zweiten Stock eines etwas nach hinten versetzten Gebäudes ausgesucht, den man per Außentreppe erreichen konnte. Der Innenraum war sehr überschaubar und typisch japanisch, und so war auch das Menü, von dem ich mir ein Bowlengericht ausgewählt habe. Überrascht war ich von den Reaktionen der Bedienenden, denn die Anwesenheit eines nicht-japanischen Touristen wie mir war allem Anschein nach eher die Ausnahme denn die Regel, so wurde ich ganz erfreut beim Essen beobachtet, insbesondere wie ich mich mit den Stäbchen so schlage. Auch mit Englisch wäre ich hier nicht sehr weit gekommen, womit innerhalb kürzester Zeit bereits zwei meiner Annahmen über Tokyo zerstört wurden, die da wären, dass man wenigstens hier ja an Touristen gewöhnt sein müsste, und dass man sich zumindest für die wichtigsten Dinge mit Englisch behelfen kann.




Eindrücke aus Asakusa und dem Senso-ji. Sowohl die Tore vor der Haupthalle, als auch die Halle selbst sind mit gigantischen Laternen behangen. Ich habe mich vor dem berühmten Kaminarimon ablichten lassen.


Asakusa ist der Ort des überaus bekannten Senso-ji, einem bedeutenden buddhistischen Tempel, dem ältesten in Tokyo. Ich vermute, dass so gut wie jeder, der einmal nach Tokyo gegoogelt hat ein Bild dieses Tempels gesehen hat. Noch bekannter als das Hauptgebäude ist das größte der beiden vorgelagerten Tore, Kaminarimon (雷門, dt. "Donnertor") genannt, mit seiner gigantischen Laterne. Zwischen dem Kaminarimon und dem Hauptbereich des Tempels verläuft eine Einkaufsstraße mit dutzenden links und rechts sich aneinanderreihenden Verkaufshütten, die überwiegend Souvenirs, aber auch religiöse Gegenstände verkaufen, und auch an der Peripherie finden sich viele weitere kleine Shops sowie Kneipen und Essensgelegenheiten. Als eines der Haupttouristenattraktionen war der Senso-ji natürlich recht gut besucht, zumal das Wetter auch mitspielte und die Sonne schien. Von Asakusa aus und auf dem Weg dorthin hat man auch bereits den weiter östlich gelegenen Tokyo Skytree gut im Blick, das höchste Gebäude in Tokyo und mit seinen 634 Metern der höchste Turm der Welt. Der Skytree wurde kurz vor meiner Ankunft in Japan fertiggestellt und hat seine Tore Ende Mai für die Öffentlichkeit geöffnet. Um auf die Aussichtsplatform zu kommen, musste man im Vorfeld ein Ticket reservieren, welches im Vergleich zum Eintritt für den nun fast schon klein wirkenden Tokyo Tower um ein vielfaches teurer war. Für einen Panoramablick über die Stadt habe ich mich daher lieber eines Geheimtipps bedient (armer Student und so), doch dazu später etwas mehr...


Links: Der Hauptsitz der Asahi-Brauerei sieht aus wie ein Bierglas mit Schaumkrone. Rechts: Auch Tokyo wartet mit engen Gassen und traditionellen Wohnhäusern auf.


Eindrücke aus Akihabara, DEM Viertel für Anime- und Mangakultur.

Von Asakusa aus machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum in westlicher Richtung nicht allzu weit entfernten Ueno-Park mit seinem großen Lotus-See. Allzu lange habe ich mich dort allerdings nicht aufgehalten und bin stattdessen lieber durch die verwinkelten Gassen in der Nähe geschlendert, wo ich immer wieder noch in altem Stil erbaute Holzhäuser erspäht habe, ein interessanter Kontrast zu anderen Stadtteilen. Die letzten Stunden des Nachmittags habe ich dazu genutzt, mir Akihabara genauer anzusehen, DEM legendären Viertel für alle Auswüchse japanischer Popkultur, vollgepackt mit allem was mit Anime, Manga, Videospielen und Elektronik zu tun hat. Was man in Osaka in "Den Den Town" vorfindet, wird hier nochmal auf die Spitze getrieben. Kurz vor 8 Uhr Abends war ich wieder zurück in der Jugendherberge, bereit für eine gute Mütze Schlaf nach diesem langen Tag.