Sonntag, 20. Februar 2022

Amemura, Auftakt einer ganz besonderen Ich-und-Japan-Geschichte

Kaum einen Ort in Japan habe ich außerhalb meines Alltags öfter besucht, kaum einen besser kennengelernt als Amemura. Hier eine Geschichte, warum das so ist.

[12.05.2012]

Ich habe bereits von Amerika-mura, oder in seiner Kurzform Amemura, berichtet, einem Szeneviertel nördlich von Namba, dem südlichen Zentrum von Osaka, und der Dotonbori, einer der wichtigsten Flaniermeilen der Stadt. Amemura besteht aus mehreren Blocks, aber das Zentrum markiert eine Kreuzung, die wie ein Dreieck aussieht. Um dieses Zentrum herum verteilen sich unzählige kleine Läden und - wichtiger für mich - Clubs und sogenannte Livehouses, also kleine Szeneschuppen für Konzerte.

Eine Woche nach dem Comin'Kobe sollte es mich wieder hierher verschlagen. Eine amerikanische Band ist an jenem Samstagabend Headliner einer Show mit 9 Bands. Alle anderen Truppen sind natürlich japanisch, weswegen ich hauptsächlich in die Stadt fuhr. Wie nichtsahnend ich doch war, wie sich der Abend letztendlich entwickeln würde...



Der coole Typ auf dem Bild oben ist Minoru. Minoru ist Hardcorefan des Headliners heute Abend. Irgendwann zwischen den Auftritten zweier Vorbands komme ich mit ihm auf japanisch ins Gespräch. Seit zehn Jahren habe er auf diese Gelegenheit gewartet, endlich seine Lieblingsband "Darkest Hour" live zu sehen. So lange hat es gedauert, bis sich die Band wieder nach Japan verirrt hat. Zum letzten Termin eine Dekade früher war es Minoru - damals noch Schüler - leider unmöglich auf eines der Konzerte zu gehen, von denen es zu seinem Leidwesen zumal nur zwei in den beiden großen Städten Osaka und Tokyo gab.

Nun sollte es also soweit sein, und so hat er sich schon in aller Voraussicht zentral vor der Bühne einen Platz gesichert. Berührungsängste mit "Moshern" hatte ich noch nie, und so entschied ich mich ihm dort Gesellschaft zu leisten. Die folgende Show war unerwartet ein riesen Spaß, denn ursprünglich hatte ich gar nicht so viel Interesse daran, den Headliner zu sehen. Nicht nur hatte die Band offensichtlich eine gute Zeit, auch Minoru neben mir hat sich die Seele aus dem Leib gefeiert. Von Minute zu Minute liefen mehr Schweißperlen sein Gesicht runter und über ein nicht enden wollendes Grinsen. Ich habe mich von der blendenden Stimmung im Club anstecken lassen und die letzte Show des Abends mehr genossen als ich erwartet hätte.


Ich habe es damals noch nicht ahnen können, aber in Johnny, dem Sänger der japanischen Band "Apoptosis", die an dem Abend ebenfalls auftrat, sollte ich im Jahr drauf einen meiner besten Freunde in Japan finden. An diesem Abend, an dem ich ihn zum ersten Mal auftreten sah, haben wir allerdings noch keine Worte gewechselt.


Die Band, weswegen ich hauptsächlich wieder mal meinen Weg nach Amemura fand. Aufmerksame Blogleser kennen die Gesichter evtl. bereits, es handelt sich um "Infernal Revulsion", eine der lauteren Bands im Spektrum des Metal.

Als die Band dann noch ankündigte, die Party in einer nahe gelegenen Rockkneipe fortzusetzen, war Minoru im siebten Himmel. "Rock Rock" heißt die besagte Lokalität, und sie ist sowas wie eine kleine Legende in Osaka. Wie ich auch lernen sollte, haben sich bereits viele weltbekannte Stars dorthin verirrt und ihre Unterschriften und Memorabilia an den Wänden und in Vitrinen hinterlassen. Aber alles der Reihe nach. Zuerst musste ich eine folgenschwere Entscheidung treffen, schließe ich mich den Party people an, oder mache ich mich auf den Heimweg. Die Sache ist nämlich die: Trotzdem der japanische öffentliche Personennahverkehr nicht von dieser Welt ist und sogar die Schweizer ob seiner Pünktlichkeit vor Neid erblassen lassen kann, gibt es bei der Geschichte einen großen Haken. So gut wie immer und überall ist Nachts um kurz vor Mitternacht Schicht im Schacht. Sobald der Shuuden (jap. 終電, kurz für 最終電車, "Saishuudensha"), der letzte Zug des Tages die Station verlässt, bleiben einem nur noch zwei Möglichkeiten, ein Taxi für 100-200€ bis "aufs Land", oder man bleibt an Ort und Stelle und wartet auf den ersten Zug des nächsten Tages. Letzteres ist gängige Praxis bei Nachteulen, und es gibt eine erstaunlich hochentwickelte Infrastruktur, die es einem ermöglicht, die Nacht mehr oder weniger komfortabel zu überbrücken, sei es in Internetcafes mit Schlafabteilen, Karaokebars, die super erschwinglichen Kapsel-Hotels, oder einfach nur Coffeeshops und Buchläden, die rund um die Uhr geöffnet haben.



Die Hauptband des Abends, "Darkest Hour", hat sich in die Herzen der Fans gespielt.

Geplant habe ich einen solchen über-Nacht-Aufenthalt eigentlich nicht, aber die Gelegenheit, mit einer Band, neuen und alten Bekanntschaften - Toshihiro, der Zeichner, war ebenfalls auf dem Konzert zugegen, da mindestens eine der Gruppen treue Abnehmerin seiner Kunst ist - in einer ikonischen Rockkneipe Party zu machen, war einfach zu gut um ausgeschlagen zu werden. Also gab ich mir einen Ruck und habe mich dem Trott gen "Rock Rock" angeschlossen. Dort angekommen war ich zuerst überrascht von der recht überschaubaren Größe des Ladens, was ihm aber definitiv einen gewissen Charme verlieh. Richtig beeindruckend waren dann aber die unzähligen signierten Fotos von Musikern und Bands entlang den Wänden, und die mit allerlei Liveshow-Erinnerungen vollgestopften Glasvitrinen. Von A wie Alice Cooper bis Z wie in Ozzy Osbourne war hier schon alles zu Gast, was Rang und Namen hat (was peinlichst genau hier dokumentiert ist). In der Kneipe also gut angekommen hat die Band den Partyhahn nochmal ordentlich aufgedreht, inklusive Mitsing-Battles mit euphorischen japanischen Fans. Ich habe mir mit Minoru eine etwas ruhigere Ecke gesucht und mit einigen der Band und deren Entourage gequatscht, und natürlich den ein oder anderen Selfie gemacht.


Signierte Bandfotos und Memorabilia von Liveauftritten zieren die Wände und Glasvitrinen des "Rock Rock".

Die After-Show-Party in vollem Gange, dennoch genug Zeit für Selfies und "Meet-&-Greets" samt Um-die-Wette-Singen (ohne mich, versteht sich ;) ).

Zu fortgeschrittener Stunde war dann Minoru irgendwann verschwunden, und als die Party ausgenommen die Hardcorefeierer ganz langsam abflaute, habe ich mich mit Toshihiro langsam auf den Weg gemacht. Mein Heimweg war mit etwas weniger als einer Stunde Zugfahrt ganz sicher deutlich länger als seiner, und dennoch (oder gerade deswegen) war er so unglaublich nett und hat mir bis in die frühen Morgenstunden Gesellschaft geleistet. Nach einer Weile des herumschlenderns in Shinsaibashi haben wir einen der schon erwähnten rund um die Uhr geöffneten Geschäfte gefunden, um sich etwas hinzusetzen, zu essen und zu trinken. Wir haben erzählt über Musik und andere Dinge, und dann wurde Toshihiro irgendwann noch ganz persönlich und hat mir von seinem Leben mit gravierenden gesundheitlichen Einschränkungen erzählt. Hatte ich schon zuvor großen Respekt vor ihm und seiner Kunst (wie alle, die ihn kennen, auf Konzerten wurde er auch schon mit "Sensei" angesprochen), hat sich das nach diesem Abend nochmal deutlich gesteigert. Irgendwann nach 5 Uhr frühmorgens begann der Puls der Stadt wieder zu schlagen, und wir nahmen unsere jeweiligen Züge nach Hause.

Obwohl ich in meiner gesamten Zeit in Japan nur zwei mal den Shuuden habe sausen lassen, ohne dass ich an Bord gewesen wäre, steht dieser Abend dennoch stellvertretend für die unzähligen Male, die ich Amemura besucht habe. Stellvertretend für die grandiosen Konzerte japanischer und ausländischer Bands, und stellvertretend für die überaus dankbaren Konzertbesucher, die Bands von Übersee mit mehr als nur offenen Armen empfangen, oft nach langer Zeit geduldigen Wartens. Und stellvertretend für die wundervollen Begegnungen die ich immer und immer wieder machen durfte. Einige davon haben sich in echte Freundschaften entwickelt.

Ach ja, was mich an jenem Sonntag geritten hat, weiß ich nicht mehr so genau, aber nach nur 2-3 Stunden Schlaf nahm ich doch tatsächlich aufs Neue einen Zug in die große Stadt, aus der ich gerade nach langer Nacht gekommen bin. Zeit sich mit Freunden von der Kirche zu treffen. Aber warum auch nicht, man lebt nur einmal!

Dienstag, 15. Februar 2022

Jetzt (ist) die Zukunft

(wie tausende musikliebende Japaner jedes Jahr bei einem Benefiz-Rockfestival auf einer künstlichen Insel den Schattenseiten eines Lebens auf dem pazifischen Feuerring trotzen)

Hier nun der Auftakt zu meinen weiteren Erlebnissen während meines ersten Japan-Aufenthalts.

[5. Mai 2012] 

Viel Pause nach der Verabschiedung meines Besuchs nach diesen mit Programm vollgestopften Tagen habe ich mir nicht gegönnt. Denn direkt am nächsten Tag, praktischerweise ein Samstag, hat sich mir eine Gelegenheit eröffnet, die ich unmöglich habe nicht ergreifen können. In Kōbe findet jährlich ein Benefiz-Festival statt, welches auf den Namen "Comin'Kobe" hört. Der Clou ist, dass das Festival völlig kostenfrei ist, die Einnahmen aber guten Zwecken zugute kommt. Kōbe weckt bei dem einen oder anderen vielleicht Konnotationen mit dem verheerenden Hanshin-Erdbeben im Jahre 1995, welches große Teile der Stadt völlig zerstört und unzählige Menschenleben gefordert hat. So ist es dann auch einfach erraten, dass sich der Benefizteil des Festivals um eben jene Katastrophe dreht. Doch seit 2011 hat sich der Fokus dieser Veranstaltung leider auf eine weitere Katastrophe ausdehnen müssen, das sich in ein jeder Gedächtnis eingebrannte Tōkohu-Erdbeben mit den drastischen Folgen in Fukushima und der gesamten Sendai-Region im Nord-Osten der japanischen Hauptinsel.


Links: "Alcott" spielen in der Mittagssonne. Rechts: Mein Mittagessen, Yakisoba.

Trotzdem das Festival kostenfrei ist, bedeutet das nicht, dass man nicht ein wenig Aufwand betreiben muss für die Teilnahme. Denn eingelassen wird nur, wer sich rechtzeitig ein Ticket reserviert hat. Meinen frühzeitigen Recherchen zum Dank habe ich genau das bewerkstelligt, und so habe ich mich stolz und voller Vorfreude frühmorgens gen Kōbe aufgemacht. Nach Ōsaka und Kyōto würde das meine dritte japanische Großstadt sein, die ich besuchen würde. Doch um ehrlich zu sein, so scharf trennen lassen sich diese drei Städte eigentlich gar nicht. Schaut man sich die Landkarte etwas genauer an, so stellt man fest, dass Ōsaka, Kōbe, Kyōto und dutzende weitere Satellitenstädte eine einzige gewaltige Gebäudemasse formen, auch bekannt als die Metropolregion Keihanshin. Nara und das Städtchen Ikoma, bei dem sich das NAIST befindet, wurde bislang noch nicht von den sich stetig verschiebenden Metropolengrenzen verschluckt, nur der simplen Tatsache geschuldet, dass sich ein kleiner Bergkamm im Weg befindet. Nachdem ich also in den Zug stieg und den Tunnel passierte, der eben jenen Bergkamm durchsticht, sollte die Fahrt noch weitere 80 Minuten dauern, ohne dass man je die Häuserberge und -schluchten wieder verlassen hätte. Was mir dann bei der Ankunft klar wurde, ist, dass ich von der Stadt selbst nicht allzu viel sehen würde, denn der Veranstaltungsort des Festivals befindet sich auf einer künstlichen Insel - der Port Island - in der Bucht von Ōsaka, an die sich die Stadt weit ausgedehnt anschmiegt.


Links: Die Meute am Feiern bei "Fear, And Loathing In Las Vegas". Rechts: Die Gitarristin von "tricot" macht einen Ausflug ins Publikum.

Das Comin'Kobe kann von der Größe her mit locker mit den größten europäischen Sommerfestivals mithalten. Aber es wäre nicht Japan, wenn es nicht noch ein bisschen extremer wäre als alles, was man so kennt. Haupt- und Nebenprogramm mit Performance-Künstlern, Ausstellungen, Verkaufsstände, Musik von 100 Bands, die 10 Bühnen gleichzeitig unsicher machen, und das alles innerhalb eines einzigen Tages! Ein kleines, aber sehr wichtiges Detail: Ausnahmslos alle auftretenden Künstler sind japanisch und überwiegend rockig. Für mich ein wahres Paradies und die perfekte Fundgrube. Mit meinem ausgedruckten und aufgrund intensiver Vorbereitungen vollgekritzelten Zeitplan begebe ich mich also ins Getümmel...

Obwohl das Angebot an Unterhaltung und Ablenkung in Form von Erwerbbarem überwältigend war, so war das Comin'Kobe'12 doch erstaunlich gelassen. Viele der Auftritte, die ich mir im Vorfeld markiert habe, konnte ich völlig stressfrei verfolgen, ja, noch nicht mal beim Fotografieren mit der großen Kamera wurde ich ausgebremst. Je später der Tag, desto schwerer wurde auch meine Umhängetasche, die Versuchung durch CDs, T-Shirts, Pins, Handtüchern und so weiter war einfach zu groß. Selbstverständlich habe ich die Gute Sache auch mit einem Kauf des Benefiz-Armbands unterstützt. Das Band umlaufend steht "05:46 -> 14:46", die Uhrzeiten der beiden schweren Erdbeben, und "Ima Mirai", also in etwa "Jetzt (ist) die Zukunft".


Links: Gelassene Stimmung. Rechts: Bilderausstellung zu dem verheerenden Erdbeben von 1995.

Links: Kunst-Installation. Rechts: Menschenmassen koordinieren, eine weitere japanische Kunst.

Einige der Bands, die ich während des Comin'Kobe'12 kennengelernt habe, haben sich zu echten Favoriten meinerseits entwickelt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber auch wie lässig das gesamte Festival war, und wie unglaublich gut durchorganisiert japanische Massenveranstaltungen sind. Mit vielen neuen Eindrücken habe ich mich nach dem Headliner sowohl des Festivals als auch meiner eigenen Liste müde aber glücklich auf den Heimweg gemacht...

Montag, 14. Februar 2022

日本が恋しい

(Nihon ga koishii. Ein Mosbacher im Düsseldorfer Exil vermisst Japan...)

In Zeiten von Reisebeschränkungen, gepaart mit einer Prise Nostalgie, und mit dem Frosting der von ebenfalls im Düsseldorfer Exil lebenden Japanern ins Land mitgebrachten großstädtischen Versuchungen fällt es einem nicht leicht, sich nicht der Fantasie eines ausgedehnten Japan-Urlaubs hinzugeben. Doch es nützt alles nichts, denn die Grenzen sind dicht, und wie ich die Japaner so kenne - die letzte Abschottungs-Phase hat 214 Jährchen angedauert (von 1639 bis 1853) - sollte man nicht unbedingt mit einer baldigen Richtungsänderung rechnen. Was bleibt einem da noch zu tun? Einen alten Japan-Blog wiederbeleben? Hmm, warum denn eigentlich nicht...

Seit 2012 bis zu meiner (vorerst) endgültigen Rückkehr nach Deutschland 2019 habe ich 7 ereignisreiche und erinnerungswürdige Jahre im wunderbaren Nippon verbracht. Geschätzte 15.000 Bilder haben sich in dieser Zeit auf meinen Festplatten (ja, Plural) angesammelt, die ein oder andere Geschichte ließe sich damit schon noch zum Besten geben. Sei es der dem Blog noch geschuldeten Abschluss meines ersten Aufenthalts, der so abenteuerlich weiterging wie er angefangen hat. Oder die Geschichte wie mein zweiter Aufenthalt jener wurde, während dessen ich meine Frau kennenlernte, und wie es dazu kam, dass ich plötzlich fünf mal innerhalb eines Jahres das Dreieck Deutschland-Japan-Indonesien abgeflogen bin. Oder wie ich endgültig für die kommenden Jahre nach Japan umgesiedelt bin, um mir dort meinen Doktortitel zu erarbeiten. Es ließen sich Romane schreiben...

Ob aus dem Versuch dieser Wiederbelebung etwas Dauerhaftes wird, kann ich jetzt noch nicht sagen, aber ich hätte unglaublich Lust auf einen "Trip down memory lane", denn seine Erinnerungen zusammenzuschreiben lohnt sich allemal, scheint mir. Zumal, welch besseren Zeitpunkt als das 10-Jährige Jubiläum meines ersten Abflugs gen Fernost könnte es denn dafür geben? Und wenn der einen oder anderen Interessierten Person damit noch ein netter Zeitvertreib beschieden ist, umso besser...

In dem Sinne, wollen wir? Ach, ich mach einfach mal!