Kaum einen Ort in Japan habe ich außerhalb meines Alltags öfter besucht, kaum einen besser kennengelernt als Amemura. Hier eine Geschichte, warum das so ist.
[12.05.2012]
Ich habe bereits von Amerika-mura, oder in seiner Kurzform Amemura, berichtet, einem Szeneviertel nördlich von Namba, dem südlichen Zentrum von Osaka, und der Dotonbori, einer der wichtigsten Flaniermeilen der Stadt. Amemura besteht aus mehreren Blocks, aber das Zentrum markiert eine Kreuzung, die wie ein Dreieck aussieht. Um dieses Zentrum herum verteilen sich unzählige kleine Läden und - wichtiger für mich - Clubs und sogenannte Livehouses, also kleine Szeneschuppen für Konzerte.
Eine Woche nach dem Comin'Kobe sollte es mich wieder hierher verschlagen. Eine amerikanische Band ist an jenem Samstagabend Headliner einer Show mit 9 Bands. Alle anderen Truppen sind natürlich japanisch, weswegen ich hauptsächlich in die Stadt fuhr. Wie nichtsahnend ich doch war, wie sich der Abend letztendlich entwickeln würde...
Der coole Typ auf dem Bild oben ist Minoru. Minoru ist Hardcorefan des Headliners heute Abend. Irgendwann zwischen den Auftritten zweier Vorbands komme ich mit ihm auf japanisch ins Gespräch. Seit zehn Jahren habe er auf diese Gelegenheit gewartet, endlich seine Lieblingsband "Darkest Hour" live zu sehen. So lange hat es gedauert, bis sich die Band wieder nach Japan verirrt hat. Zum letzten Termin eine Dekade früher war es Minoru - damals noch Schüler - leider unmöglich auf eines der Konzerte zu gehen, von denen es zu seinem Leidwesen zumal nur zwei in den beiden großen Städten Osaka und Tokyo gab.
Nun sollte es also soweit sein, und so hat er sich schon in aller Voraussicht zentral vor der Bühne einen Platz gesichert. Berührungsängste mit "Moshern" hatte ich noch nie, und so entschied ich mich ihm dort Gesellschaft zu leisten. Die folgende Show war unerwartet ein riesen Spaß, denn ursprünglich hatte ich gar nicht so viel Interesse daran, den Headliner zu sehen. Nicht nur hatte die Band offensichtlich eine gute Zeit, auch Minoru neben mir hat sich die Seele aus dem Leib gefeiert. Von Minute zu Minute liefen mehr Schweißperlen sein Gesicht runter und über ein nicht enden wollendes Grinsen. Ich habe mich von der blendenden Stimmung im Club anstecken lassen und die letzte Show des Abends mehr genossen als ich erwartet hätte.
Als die Band dann noch ankündigte, die Party in einer nahe gelegenen Rockkneipe fortzusetzen, war Minoru im siebten Himmel. "Rock Rock" heißt die besagte Lokalität, und sie ist sowas wie eine kleine Legende in Osaka. Wie ich auch lernen sollte, haben sich bereits viele weltbekannte Stars dorthin verirrt und ihre Unterschriften und Memorabilia an den Wänden und in Vitrinen hinterlassen. Aber alles der Reihe nach. Zuerst musste ich eine folgenschwere Entscheidung treffen, schließe ich mich den Party people an, oder mache ich mich auf den Heimweg. Die Sache ist nämlich die: Trotzdem der japanische öffentliche Personennahverkehr nicht von dieser Welt ist und sogar die Schweizer ob seiner Pünktlichkeit vor Neid erblassen lassen kann, gibt es bei der Geschichte einen großen Haken. So gut wie immer und überall ist Nachts um kurz vor Mitternacht Schicht im Schacht. Sobald der Shuuden (jap. 終電, kurz für 最終電車, "Saishuudensha"), der letzte Zug des Tages die Station verlässt, bleiben einem nur noch zwei Möglichkeiten, ein Taxi für 100-200€ bis "aufs Land", oder man bleibt an Ort und Stelle und wartet auf den ersten Zug des nächsten Tages. Letzteres ist gängige Praxis bei Nachteulen, und es gibt eine erstaunlich hochentwickelte Infrastruktur, die es einem ermöglicht, die Nacht mehr oder weniger komfortabel zu überbrücken, sei es in Internetcafes mit Schlafabteilen, Karaokebars, die super erschwinglichen Kapsel-Hotels, oder einfach nur Coffeeshops und Buchläden, die rund um die Uhr geöffnet haben.
Geplant habe ich einen solchen über-Nacht-Aufenthalt eigentlich nicht, aber die Gelegenheit, mit einer Band, neuen und alten Bekanntschaften - Toshihiro, der Zeichner, war ebenfalls auf dem Konzert zugegen, da mindestens eine der Gruppen treue Abnehmerin seiner Kunst ist - in einer ikonischen Rockkneipe Party zu machen, war einfach zu gut um ausgeschlagen zu werden. Also gab ich mir einen Ruck und habe mich dem Trott gen "Rock Rock" angeschlossen. Dort angekommen war ich zuerst überrascht von der recht überschaubaren Größe des Ladens, was ihm aber definitiv einen gewissen Charme verlieh. Richtig beeindruckend waren dann aber die unzähligen signierten Fotos von Musikern und Bands entlang den Wänden, und die mit allerlei Liveshow-Erinnerungen vollgestopften Glasvitrinen. Von A wie Alice Cooper bis Z wie in Ozzy Osbourne war hier schon alles zu Gast, was Rang und Namen hat (was peinlichst genau hier dokumentiert ist). In der Kneipe also gut angekommen hat die Band den Partyhahn nochmal ordentlich aufgedreht, inklusive Mitsing-Battles mit euphorischen japanischen Fans. Ich habe mir mit Minoru eine etwas ruhigere Ecke gesucht und mit einigen der Band und deren Entourage gequatscht, und natürlich den ein oder anderen Selfie gemacht.
Zu fortgeschrittener Stunde war dann Minoru irgendwann verschwunden, und als die Party ausgenommen die Hardcorefeierer ganz langsam abflaute, habe ich mich mit Toshihiro langsam auf den Weg gemacht. Mein Heimweg war mit etwas weniger als einer Stunde Zugfahrt ganz sicher deutlich länger als seiner, und dennoch (oder gerade deswegen) war er so unglaublich nett und hat mir bis in die frühen Morgenstunden Gesellschaft geleistet. Nach einer Weile des herumschlenderns in Shinsaibashi haben wir einen der schon erwähnten rund um die Uhr geöffneten Geschäfte gefunden, um sich etwas hinzusetzen, zu essen und zu trinken. Wir haben erzählt über Musik und andere Dinge, und dann wurde Toshihiro irgendwann noch ganz persönlich und hat mir von seinem Leben mit gravierenden gesundheitlichen Einschränkungen erzählt. Hatte ich schon zuvor großen Respekt vor ihm und seiner Kunst (wie alle, die ihn kennen, auf Konzerten wurde er auch schon mit "Sensei" angesprochen), hat sich das nach diesem Abend nochmal deutlich gesteigert. Irgendwann nach 5 Uhr frühmorgens begann der Puls der Stadt wieder zu schlagen, und wir nahmen unsere jeweiligen Züge nach Hause.
Obwohl ich in meiner gesamten Zeit in Japan nur zwei mal den Shuuden habe sausen lassen, ohne dass ich an Bord gewesen wäre, steht dieser Abend dennoch stellvertretend für die unzähligen Male, die ich Amemura besucht habe. Stellvertretend für die grandiosen Konzerte japanischer und ausländischer Bands, und stellvertretend für die überaus dankbaren Konzertbesucher, die Bands von Übersee mit mehr als nur offenen Armen empfangen, oft nach langer Zeit geduldigen Wartens. Und stellvertretend für die wundervollen Begegnungen die ich immer und immer wieder machen durfte. Einige davon haben sich in echte Freundschaften entwickelt.
Ach ja, was mich an jenem Sonntag geritten hat, weiß ich nicht mehr so genau, aber nach nur 2-3 Stunden Schlaf nahm ich doch tatsächlich aufs Neue einen Zug in die große Stadt, aus der ich gerade nach langer Nacht gekommen bin. Zeit sich mit Freunden von der Kirche zu treffen. Aber warum auch nicht, man lebt nur einmal!