Dienstag, 15. Februar 2022

Jetzt (ist) die Zukunft

(wie tausende musikliebende Japaner jedes Jahr bei einem Benefiz-Rockfestival auf einer künstlichen Insel den Schattenseiten eines Lebens auf dem pazifischen Feuerring trotzen)

Hier nun der Auftakt zu meinen weiteren Erlebnissen während meines ersten Japan-Aufenthalts.

[5. Mai 2012] 

Viel Pause nach der Verabschiedung meines Besuchs nach diesen mit Programm vollgestopften Tagen habe ich mir nicht gegönnt. Denn direkt am nächsten Tag, praktischerweise ein Samstag, hat sich mir eine Gelegenheit eröffnet, die ich unmöglich habe nicht ergreifen können. In Kōbe findet jährlich ein Benefiz-Festival statt, welches auf den Namen "Comin'Kobe" hört. Der Clou ist, dass das Festival völlig kostenfrei ist, die Einnahmen aber guten Zwecken zugute kommt. Kōbe weckt bei dem einen oder anderen vielleicht Konnotationen mit dem verheerenden Hanshin-Erdbeben im Jahre 1995, welches große Teile der Stadt völlig zerstört und unzählige Menschenleben gefordert hat. So ist es dann auch einfach erraten, dass sich der Benefizteil des Festivals um eben jene Katastrophe dreht. Doch seit 2011 hat sich der Fokus dieser Veranstaltung leider auf eine weitere Katastrophe ausdehnen müssen, das sich in ein jeder Gedächtnis eingebrannte Tōkohu-Erdbeben mit den drastischen Folgen in Fukushima und der gesamten Sendai-Region im Nord-Osten der japanischen Hauptinsel.


Links: "Alcott" spielen in der Mittagssonne. Rechts: Mein Mittagessen, Yakisoba.

Trotzdem das Festival kostenfrei ist, bedeutet das nicht, dass man nicht ein wenig Aufwand betreiben muss für die Teilnahme. Denn eingelassen wird nur, wer sich rechtzeitig ein Ticket reserviert hat. Meinen frühzeitigen Recherchen zum Dank habe ich genau das bewerkstelligt, und so habe ich mich stolz und voller Vorfreude frühmorgens gen Kōbe aufgemacht. Nach Ōsaka und Kyōto würde das meine dritte japanische Großstadt sein, die ich besuchen würde. Doch um ehrlich zu sein, so scharf trennen lassen sich diese drei Städte eigentlich gar nicht. Schaut man sich die Landkarte etwas genauer an, so stellt man fest, dass Ōsaka, Kōbe, Kyōto und dutzende weitere Satellitenstädte eine einzige gewaltige Gebäudemasse formen, auch bekannt als die Metropolregion Keihanshin. Nara und das Städtchen Ikoma, bei dem sich das NAIST befindet, wurde bislang noch nicht von den sich stetig verschiebenden Metropolengrenzen verschluckt, nur der simplen Tatsache geschuldet, dass sich ein kleiner Bergkamm im Weg befindet. Nachdem ich also in den Zug stieg und den Tunnel passierte, der eben jenen Bergkamm durchsticht, sollte die Fahrt noch weitere 80 Minuten dauern, ohne dass man je die Häuserberge und -schluchten wieder verlassen hätte. Was mir dann bei der Ankunft klar wurde, ist, dass ich von der Stadt selbst nicht allzu viel sehen würde, denn der Veranstaltungsort des Festivals befindet sich auf einer künstlichen Insel - der Port Island - in der Bucht von Ōsaka, an die sich die Stadt weit ausgedehnt anschmiegt.


Links: Die Meute am Feiern bei "Fear, And Loathing In Las Vegas". Rechts: Die Gitarristin von "tricot" macht einen Ausflug ins Publikum.

Das Comin'Kobe kann von der Größe her mit locker mit den größten europäischen Sommerfestivals mithalten. Aber es wäre nicht Japan, wenn es nicht noch ein bisschen extremer wäre als alles, was man so kennt. Haupt- und Nebenprogramm mit Performance-Künstlern, Ausstellungen, Verkaufsstände, Musik von 100 Bands, die 10 Bühnen gleichzeitig unsicher machen, und das alles innerhalb eines einzigen Tages! Ein kleines, aber sehr wichtiges Detail: Ausnahmslos alle auftretenden Künstler sind japanisch und überwiegend rockig. Für mich ein wahres Paradies und die perfekte Fundgrube. Mit meinem ausgedruckten und aufgrund intensiver Vorbereitungen vollgekritzelten Zeitplan begebe ich mich also ins Getümmel...

Obwohl das Angebot an Unterhaltung und Ablenkung in Form von Erwerbbarem überwältigend war, so war das Comin'Kobe'12 doch erstaunlich gelassen. Viele der Auftritte, die ich mir im Vorfeld markiert habe, konnte ich völlig stressfrei verfolgen, ja, noch nicht mal beim Fotografieren mit der großen Kamera wurde ich ausgebremst. Je später der Tag, desto schwerer wurde auch meine Umhängetasche, die Versuchung durch CDs, T-Shirts, Pins, Handtüchern und so weiter war einfach zu groß. Selbstverständlich habe ich die Gute Sache auch mit einem Kauf des Benefiz-Armbands unterstützt. Das Band umlaufend steht "05:46 -> 14:46", die Uhrzeiten der beiden schweren Erdbeben, und "Ima Mirai", also in etwa "Jetzt (ist) die Zukunft".


Links: Gelassene Stimmung. Rechts: Bilderausstellung zu dem verheerenden Erdbeben von 1995.

Links: Kunst-Installation. Rechts: Menschenmassen koordinieren, eine weitere japanische Kunst.

Einige der Bands, die ich während des Comin'Kobe'12 kennengelernt habe, haben sich zu echten Favoriten meinerseits entwickelt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber auch wie lässig das gesamte Festival war, und wie unglaublich gut durchorganisiert japanische Massenveranstaltungen sind. Mit vielen neuen Eindrücken habe ich mich nach dem Headliner sowohl des Festivals als auch meiner eigenen Liste müde aber glücklich auf den Heimweg gemacht...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen