Montag, 19. März 2012

奈良に来たばかり

(Nara ni kita bakari, "Ich bin eben erst nach Nara gekommen"), eine Anspielung auf den Titel des Films, den ich am Wochenende sah. Denn diese Woche bin auch ich quasi erst so richtig angekommen...

Den schon erwähnten Open-Campus-Tag habe ich u.a. dazu genutzt, ein paar NAIST-Impressionen zu sammeln, hier also ein paar Bilder vom Campus und ein paar Schnappschüsse aus Ikoma, die bei für die letzten Tage typisch wechselhaftem Wetter entstanden. Beim Anlicken der Bilder gibts größere Ansichten!:

Das NAIST aus der Ferne.
Links: Schriftzug am Eingang zum Campus. Rechts: Banner des Open-Campus-Tags.

Links: Das NAIST-Logo verborgen hinter den ersten Blüten. Rechts: Ausgeklügelte Einstein-Reflexion an einer schrägen Glass-Fassade. Das Bildnis am Boden wurde so verzerrt, dass es auf der Schrägen korrekt abgebildet wird. 

Links: Blick in Richtung Campus-Mittelpunkt. Im rechten Gebäude befindet sich die Graduate School of Information Science, somit auch das AHC-Lab, in dem ich arbeite. Rechts: Blick über die NAIST-Gebäude Richtung Ikoma.

Torbogen, der den Eingang des NAIST überspannt. Die drei Spitzen stehen für die drei Fachbereiche Informatik, Materialtechnik und Biologie, die hier unterrichtet und erforscht werden.

Impressionen aus Ikoma: Beim spazieren durch ein Wohngebiet.

Links: Blick auf die hügelige Umgebung während des Spaziergangs. Rechts: Die Ikoma-Bahnstation. Der Zug fährt in Kürze Richtung NAIST.


Was man besonders aus Erzählungen von USA- oder Englandbesuchern kennt, hat mich nun also nach knapp zehn Tagen auch erwischt: Die Hitlersche Gretchenfrage hat zugeschlagen! Ein bisschen seltsam wars ja schon, das Thema anschneiden zu müssen, und viel besseres als abgedroschene Phrasen bezüglich des verrückten Kanzlers, NS-Verbrechen und des Umstands der mittlerweile großen zeitlichen Distanz der heutigen Generation zur dieser Vergangenheit habe ich dann auch nicht rausgebracht. Jedenfalls fand es mein Gesprächspartner interessant zu ergründen, wie ausgerechnet so weit voneinander entfernte Länder dazu kamen, die einstige Allianz zu bilden.

Viel hat sich vergangene Woche getan!
Was ich in Karlsruhe in 5 Jahren nicht geschafft, oder mich viel mehr geweigert habe zu tun, hat hier nur ein paar Tage gedauert: Ein Fahrrad kaufen. Ich bin jetzt stolzer Besitzer meines eigenen kleinen... Mama-Bicycles. So wurde es liebevoll von Kano-san getauft. Wie Fahrräder in Deutschland in der Regel um einen Gepäckträger verfügen, haben die meisten japanischen Räder einen Korb vorne am Lenker befestigt. Die fehlende Querstrebe würde das Bike zuhause als Frauenrad identifizieren, hierzulande allerdings kennt man, so der Fachmann, keinen geschlechterspezifischen Unterschied zwischen einzelnen Modellen. Trotzdem fühlt sich mein erster wagemutiger Ritt (auf dem Bürgersteig) ein bisschen befremdlich an ;) Auf jeden Fall bin ich jetzt mobil, was eine super Sache ist! Zum Bahnhof sinds jetzt nur noch ein paar Minuten, die Einkaufsmöglichkeiten sind schnell erreichbar, und so ganz ohne Gangschaltung hat man gleich seinen täglichen Workout.

Mein Mama-Bike! Zwei Räder, Licht, Schloss, Korb, keine Gänge. Passt.

Das Rad erstmal am Institut abgestellt, habe ich mich dazu entschlossen, mein weiteres Umfeld per Pedes zu erkunden. Bei meinem Spaziergang Richtung Stadtgebiet bin ich an so manchen interessanten Stellen vorbeigekommen. Eine größere Straße, die ich beging, scheint fest in italienischer Hand zu sein, neben Zahlreichen Restaurants findet man hier Konditoreien, Bekleidungsläden usw.
Viel toller war jedoch das Entdecken eines Areals, das auf meiner digitalen Karte nur als "religiöses Zentrum" verzeichnet war. Dort hingestiefelt, fand ich trotz des eher trüben Wetters eine sagenhafte Kulisse vor. An einem Waldrand in einem leicht hügeligen Gebiet befindet sich eine Art Tempelareal, was - wie mir meine Betreuerin den Tag darauf erklärte - dem Shintoismus zugehörig ist. Neben einigen größeren Gebäuden, die über einen gemeinsamen Hof miteinander verbunden sind, gehören auch diverse Statuen und weitere Gebilde zur Anlage, die ihre Standorte zwischen den Bäumen haben und durch Wege miteinander verbunden begehbar sind. Die erste viertel Stunde vor Ort habe ich mich gar nicht getraut, überhaupt irgendwo rein- oder hinzulaufen, in der Angst, gegen irgendwelche Regeln zu verstoßen oder sonst was. Die ganzen Schilder, die überall hingen, konnte ich leider nicht entziffern. Nachdem ich aber ein paar Fotos gemacht habe und mir gedacht habe, eine öffentlich zugängliche Treppe macht keinen Sinn, wenn man sie nicht benutzen darf, bin ich dann doch gaaanz langsam die Stufen hinaufgeschritten, um zu sehen, was es da noch so alles zu entdecken gibt. Vorgefunden habe ich diverse Bildnisse von Göttern, und mein Wagemut hat mir Recht gegeben, dass dieser Ort auch für Besucher gemacht ist, denn vor jedem Bildnis gibt es hier detailierte Beschreibungen, die ich aber leider wieder nicht interpretieren konnte, schade. Auf jeden Fall war die Entdeckung dieses Ortes, der nichtmal meinen Mitstudenten hier zuvor bekannt war, eine grandiose Sache, und vielleicht schaffe ich es nochmal dorthin, um mir dann auch die Gebäude um den Innenhof herum richtig anzusehen, am besten noch mit Hintergrundwissen bewaffnet...








Weitere Neuerung: Endlich habe ich auch eine japanische SIM-Karte für mein Handy bekommen. Das Teil erlaubt mir zwar nicht, zu telefonieren oder SMS zu schreiben, dafür jedoch geht alles, was übers Internet läuft. Eine gute Sache, wie ich finde. Meine deutsche Nummer ist dafür aber erstmal für ein halbes Jahr "out of service" ;)

Mitte der Woche wurde ich Zeuge des harten "Job huntings", dem sich japanische Berufseinsteiger widmen müssen. Sehr interessant waren da besonders die "crazy" Online-Tests, die, wie ich vermute, besonders von größeren Unternehmen durchgeführt werden, um die Grundeignung eines Bewerbers festzustellen. Hier werden Fragen aus dem Bereich der Allgemeinbildung, über Mathematik und sicherlich auch berufsspezifische Themen gestellt, die direkt am Rechner innerhalb einer bestimmten Zeit beantwortet werden müssen. Ansonsten war ständig jemand unterwegs mit dem Nachtbus oder Shinkansen (japanischer Hochgeschwindigkeitszug) in eine der Megacities, auf der Jagd nach dem Traumjob...

Thema Essen ;) Zwei Abende vor meinem Umzug wurde ich entführt in ein eher spezielles Ramen-Restaurant. Ganz japanisch sitzt man hier auf dem Boden an niedrigen Tischen. In dem kleinen Laden ist Platz für acht sitzende Gäste, eine handvoll weiterer Besucher findet Platz an einer Theke. Das ist aber nicht das Besondere daran, denn so sehen viele Imbisse, Kneipen, etc. aus. Das Besondere sind die Portionen, die man hier aufgetischt bekommt:

Ja, für so einen Haffen Nudeln, Fleisch, Gemüse und Suppe braucht man schon eine gehörige Portion (Wortspiel...) Durchhaltevermögen und großen Hunger! Hunger hatte ich zum Glück, und so habe ich mein leckeres, vermutlich recht ungewöhnliches - denn meine Betreuerin hat nur die Stirn gerunzelt, als ich ihr erzählte, was das war - Curry-Ramen mit einer infernalischen Ladung Knoblauch auch fast leer bekommen! So unglaublich schnell wie meine Geheimtipp-Offenbarer hab ich das allerdings nicht hinbekommen. Kano-san hat eben jene Schale, die im Bild zu sehen ist, in geschätzten unfassbaren 10 Minuten weggeputzt... während ich damit beschäftigt war, nicht alles vollzukleckern mit meinen Stäbchenfähigkeiten. Denn mit so viel Suppe, die mit in der Schale ist, und den Nudeln, die man rausschlürfen muss, wird das ganze richtig schwierig :)

Das Mega-Ramen! Auf dem Bild zu sehen ist Kano-sans Portion, meine war aber nicht wirklich viel kleiner ;)


Eine Erfahrung, mit der ich nicht so schnell gerechnet hätte sie zu machen, kam am Folgetag während meines Mensabesuchs dazu. Auf dem großen Flachbildfernseher, der in der Regel die Nachrichten zeigt, wurde ein Bericht mit dem Thema Tsunami gesendet. Soweit nichts Ungewöhnliches, denn am 11. März war der Jahrestag des großen Tōhoku-Erdbebens. Das Fernsehen war diese Woche voll von Sendungen über "3/11", oder "jenen Tag", wie er überall bezeichnet wird. Stutzig machte mich bei dieser laufenden Sendung allerdings die minutengenaue Zeitansage des Sprechers, und ich vermutete schon, hier wird das vergangene Unglück in allen Einzelheiten nochmal auseinandergenommen.
Bis ich bemerkte, dass es die tatsächliche Tageszeit war. Was ich sah, war also eine Tsunamiwarnung für den Moment: Ein weiteres von unendlich vielen Nachbeben vom Vorjahresereignis, so wurde ich am Tag darauf aufgeklärt, hat in der Nähe des bekannten Krisengebiets wieder für eine kleinere Welle von etwa 50cm Höhe gesorgt. Der Nachrichtensprecher hat während dieser Sonder-Warnsendung in ständig wiederholender Art die Gebiete genannt, in denen in den nächsten Minuten mit einer Welle zu rechnen ist, während auf dem Bildschirm diverse Webcams durchgeschaltet wurden, die Küstenstreifen zeigten. Von einer Welle zu sehen war auch nach Überschreiten der Deadline zumindest auf dem Bildschirm glücklicherweise nichts. Dennoch schien das Nachbeben mit einer Magnitude von 6,9 eines der stärkeren gewesen zu sein, so sagte man mir. Außerdem wurde ich darüber aufgeklärt, dass es in Japan eine weitere Skala zur Einstufung von Erdbeben gibt, die nicht die Magnitude, sondern die Intensität des Bebens an der Erdoberfläche misst. Und dass das Frühwarnsystem, über das so gut wie alle japanischen Handys verfügen deren Besitzern oft ein gewisses Unwohlsein beschert...

Am Donnerstag war es soweit, mein Umzug ins Gästehaus des NAIST stand an! Die ersten zwei Wochen im Apartment direkt im Stadtgebiet waren quasi sowas wie eine Notlösung, da das Gästehaus bis zum 15. voll belegt war. Der eigentliche Plan ist, dass ich für den kompletten Aufenthalt hier im Gästehaus untergebracht sein werde. Und das ist eine sehr tolle Sache, da es direkt auf dem Campus steht und es von hier aus etwa 50 Meter bis ins Institut sind ;) Hm, für Ausreden, wenn man mal übel verschlafen hat etc. muss man sich dann aber echt was einfallen lassen...
Das Wohnen hier im neuen Zimmer ist jedenfalls der reine Luxus, es mangelt an nichts. Es ist schön groß, hell, alles wirkt neu und gepflegt und es ist alles da, was man zum Leben und Arbeiten so braucht. Während ich die ersten beiden Wochen noch aus dem Koffer gelebt habe, habe ich mich hier nun richtig eingenistet, die Schränke vollgestopft, Bilder aufgestellt. Das heißt, jetzt bin ich wirklich so richtig angekommen, im Sinne von "boah, ich werde jetzt erstmal für 6 Monate in Japan leben!". Und das ist schon ein krasser Gedanke. Arbeiten, Kochen, Waschen, mit dem Mama-Bicycle einkaufen fahren... Nur Putzen wird mir abgenommen, aber pssst, keinem verraten ;)
Passend zum Umzug wurden im Rathaus die Wege für meine "Alien Registration" eingeleitet, also der Registrierung meiner Wenigkeit als temporärer Bewohner der Stadt Ikoma und des Landes Japan. Will man länger als 90 Tage im Land bleiben, benötigt man diese Registrierung, für die man eine Art temporären Personalausweis ausgestellt bekommt.
Obendrein habe ich ein Bankkonto bei einer japanischen Bank eröffnet bekommen. Denn für den Inland-Zahlungsverkehr ist das unabdingbar, ebenso wenn man hohe Gebühren vermeiden will. Natürlich habe ich das Konto nicht einfach so bekommen! Den Nachweis, dass ich länger im Land bin, hatte ich aus dem Rathaus. Dass ich nicht der Bōryokudan (dt. "gewalttätige Gruppe"), also der Yakuza angehöre, musste ich noch mit meiner Unterschrift besiegeln... ;) In den letzten Jahren geht die japanische Regierung verstärkt gegen die Mafia vor, so wird u.a. auch versucht, die Geldflüsse stärker zu überwachen bzw. jene zu verhindern.

Das Wochenende begann nicht, bevor nicht noch das Labor großzügig umstrukturiert wurde: In einigen Wochen stoßen etwa zehn neue Studenten zum AHC-Lab hinzu, und für die musste erst noch ordentlich Platz gemacht werden. Das heißt ganz praktisch: Arbeitsplätze verrücken, Kabel umverlegen, Schränke umstellen und so weiter. Also war eine ordentliche Portion körperlicher Arbeit angesagt. Dabei lief es zum allergrößten Teil strukturiert nach Plan, aber insgesamt doch etwas verplant ab, was schon sehr lustig war :) Die neuen Arbeitsplätze sind nun da, jetzt müssen noch ein paar Techniker ran. Mal sehn wie es nach dem Wochenende aussieht...

Kano-san verschwindet im Schrank. Die Dinger wurden bei der Umstrukturierung auch rumgeschleppt. Und sind dann doch wieder an ihrem Ursprungsplatz gelandet ;)


Samstag. Was machen, nachdem man viel zu lange geschlafen hat und das Wetter nicht ganz so einladend ist für Sightseeing? Ab ins Netz und recherchieren. Gefunden habe ich das "Osaka Asian Film Festival". Kino also, warum eigentlich nicht? Laut Internetseite werden die Filme, allesamt Japan- bis hin zu Weltpremieren, produziert im Großraum Asien, mit englischen Untertiteln gezeigt. Vor dem Film könnte man sich nochmal ein paar Ecken von Osaka ansehen und was Essen. Der Plan stand, also die digitale Karte mit Zielen versehen und ab mit dem Mama-Bicycle zur Bahnstation.
In Osaka angekommen, habe ich mir erstmal was zu Essen gesucht. Leicht überfordert wusste ich nicht so ganz, in welchen der vielen lebhaften Läden ich mich jetzt trauen soll und habe was mir bereits aus Deutschland Bekanntes gesucht: Yakitori (焼き鳥, eine Art japanisches Schaschlik, i.d.R gegrilltes Hähnchenfleisch am Spieß). Das kleine Restaurant betreten, wurde ich von einer Empfangsdame direkt an den Tresen gelotst, wo man mir als offensichtlichen Ausländer direkt eine englische Karte gereicht hat. Zugegeben, das war auch ganz praktisch, denn von den vielen Spießvarianten hätte ich mich rein dem Aussehen nach auch gut und gerne für die "gegrillten Innereien" entschieden. Hab ich mit der englischen Karte dann aber doch nicht, sondern mich für Wakadori (dt.: "junges Hähnchen") und Wakakawa (dt.: "junge Hähnchenhaut") entschieden. Der bzw. die Köche und Grillmeister stehen am Grill hinter der Theke und sind unentwegt am Hantieren, mit Spieße umdrehen usw. beschäftigt, und dem lauten Begrüßen und Verabschieden ein- und ausgehender Gäste. Der Lautstärkepegel ist recht hoch durch die mit Inbrunst von jedem einzelnen Mitarbeiter gerufenen Höflichkeitsfloskeln. Das gilt allerdings nicht nur für Restaurants, sondern auch für alle anderen Geschäfte und Lokalitäten wie Banken, Tankstellen, etc. in denen man bedient wird. Der Kunde ist Gott. Und in der Tat, als Kunde ist man Zentrum der Aufmerksamkeit und Ziel der höchsten Höflichkeit, was sich in der Sprache als auch im Verhalten widerspiegelt. So gehört es z.B. zum guten Ton, dass einem das Wechselgeld stets mit zwei Händen überreicht wird. Denn wenn etwas mit beiden Händen übergeben wird, ist es von besonderem Wert. Ist man gut erzogen und/oder in höflicherem Umfeld, sollte man diesen Respekt aber auch erwidern und selbst mit beiden Händen zugreifen, u.a. auch, wenn man Getränke gereicht bekommt.
So im Yakitori-Restaurant sitzend stelle ich fest, dass man hier nicht unbedingt herkommt, um so richtig satt zu werden, denn dafür sind die Stäbchen allesamt nicht groß genug und man müsste noch ein paar dutzend mehr bestellen. So ist mehr eher hier, um mit anderen gelassen zu plaudern und sich ein (zwei, drei, ...) Bierchen und stärkeres zu gönnen. Da ich das heute abend nicht vorhatte und nur zum Essen da war, habe ich eben jenes extra langsam gemacht, denn so ein bisschen wäre es mir dann doch unangenehm gewesen, nur 10 Minuten zu bleiben und wieder abzuhauen. Also habe ich ganz gemütlich meine sehr leckeren Yakitori gefuttert und unauffällig Leute beobachtet.
Ein bisschen Zeit hatte ich immer noch, mir die ein oder andere Ecke vom nächtlichen Osaka anzusehen. Ganz in der Nähe befinden sich die Gebiete Dōtonbori und Amerikamura. Ersteres ist ein sehr beliebter Straßenzug, in dem Nachts ordentlich die Post abgeht. Hier finden sich u.a. allerlei Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten. Alles leuchtet und blinkt, es ist voll und an jeder Ecke wuselt es. Amerikamura (Mura = "Dorf") ist sowas wie das "America-Town" in Osaka. Nur ohne Amerikaner ;) Naja, das stimmt so nicht. Aber auf jeden Fall trügt der Name ein wenig, denn wer hier überwiegend anzutreffen ist, sind hippe, schrille Szene-Japaner in den (un)möglichsten Outfits, oft blond gefärbt und gut und gerne auch mit Metall im Gesicht. Was den Namen des Viertels wieder rechtfertigt, sind die zahlreichen Boutiquen, aus denen R&B- und Hip-Hop-Musik schallt und die fast schon klischeehaft wirkende typisch amerikanische Modetrends an den Mann und die Frau bringen wollen. Definitiv einen Besuch wert, aber nichts für einen längeren Aufenthalt, wenn man nicht gerade einer hippen Jugendszene angehört ;)

Links: Solche hell erleuchteten und laut musikspielenden Werbetrucks (!) fahren ständig durch die nächtliche City. Rechts: Belebte Ecke und Blechlawinen.

Links: Einer der Eingänge zum Dotonbori. Rechts: Na, wer hat Fast & Furious Tokyo Drift gesehen? ;)

Einer der vielen bunten, lauten "Ami"-Läden in Amerikamura.


Zeit, mein eigentliches Ziel zu suchen, das "Cine Nouveau". Kaum aus den Szene-Ecken rausgekommen, wird die Stadt erstaunlich ruhig. Zwar überquert man noch die ein oder andere mehrspurige Straße, die die Häuserschluchten durchzieht, doch an Menschen wird es deutlich weniger. Ok, in so einer riesen Stadt muss es auch ruhigere Ecken geben, wenn sich die Nachtschwärmer alle in einigen wenigen Ecken zusammenquetschen...
Bei so einem Titel wie "Asian Film Festival" denkt man an riesige Cineplex-Irgendwas-Mega-Domes. Aber nicht an ein kleines Ein-Saal-Kino im Keller in einer Seitenstraße eines Wohngebiets in Osaka. Coooool! Leicht unbeabsichtigt bin ich also in einem vermutlich eher künstlerisch-alternativen Kino gelandet, was ich keinesfalls als schlecht angesehen habe, ganz im Gegenteil. Das Cine Nouveau ist ein sehr charmantes Örtchen.

Eingang zum Cine Nouveau. Ich bin erstmal dran vorbeigelaufen, denn außer dem Kana-Schriftzug auf dem Holzschild und dem kleinen Schildchen über den Postern weist erstmal nix auf ein Kino hin. ^^


Als Film habe ich mir Vorfeld ausgesucht: Tokyo Newcomer (東京に来たばかり, Tokyo ni kita bakari). Die Handlung dreht sich um einen Chinesen, der nach Tokyo kommt um sich als Profi dem japanischen Brettspiel Go zu widmen. Dabei macht er Bekanntschaft mit einer alten Dame, die rein zufällig eine alte Go-Meisterin ist, und deren Sohn/Enkel/... (weiß nicht ;)), der ein klein wenig auf der schiefen Bahn unterwegs ist...
Was die englischen Untertitel angeht... Die gabs dann irgendwie doch nicht. Hmpf. Aber alles in allem war das dann doch nicht so schlimm und auch gar nicht verkehrt, denn zum Glück drehte sich die Handlung eben um diesen einen Chinesen, der neu in Japan ist und selbst nicht viel Japanisch kann ;) So habe ich ihn echt gut verstehen können, einige der anderen Charaktere auch, wenn sie mit ihm langsam gesprochen haben. Die Handlung hat sich mir durch das Verstandene und die Bilder ganz gut erschlossen, auch wenn wirklich vieles vom schnell gesagten dann doch viel zu heftig für mich war und da einfach gar nix ging. Und trotzdem bin ich auch irgendwie froh gewesen, dass die Untertitel dann doch fehlten, denn so gings mir während des Films fast so wie dem Chinesen. Viel besser kann man sich in einen Hauptcharakter doch gar nicht einfühlen ;)
Tokyo Newcomer, der zu diesen Film Festival als Weltpremiere gezeigt wurde, ist jedenfalls ein wirklich schöner Film aus Chinesisch-Japanischer Produktion, den ich nur jedem empfehlen kann ihn anzusehen, wenn man die Thematik mag (Björn *hust* ^^) und wenn er irgendwo läuft!

Dann gings für mich, den "Nara Newcomer" wieder ab nach Hause, kurz vor dem "last train"...

Samstag, 10. März 2012

Was heißt crazy auf Japanisch?

Crazy bleibt Crazy. Weil es so wunderbar oft genau das Richtige aussagt.

Vorab ein kleiner Bild-Nachtrag zum Sushi-Essen des ersten Abends. Ihr seht das Förderband für die einzelnen Sushi-Teller. Im oberen Teil des Bildes ist der Touch-Screen, mit dem man eigene Bestellungen aufgeben kann. Der Hahnen, den man da sieht, ist für heißen Tee.

Erster Abend in Japan, gleich ins Sushilokal!


Nach diesem ereignisreichen Skiwochenende war erstmal langes Ausschlafen angesagt: Eigentlich wollte ich noch am Montag bereits um 11 Uhr im Labor auf der Matte stehen. Eigentlich. Aufgewacht bin ich irgendwann um 17 Uhr, und vor lauter schlechtem Gewissen habe ich mich trotz des verschlafenen Tags doch noch ans Institut geschleppt, um wenigstens etwas Präsenz zu zeigen.
Da der Tag also schon völlig verschoben war, war das auch mein längst überfälliger Probeeinkauf, denn ich muss ja so langsam mal lernen, wo und wie ich mein ganzes Essen hier kaufen kann. Um 12 Uhr (Nachts!) hieß es dann also nochmal, Schuhe an und raus auf die Jagd! Und das ist in Japan eines der kleinsten Probleme. Denn japanische Ortschaften verfügen über ein äußerst engmaschiges Netz an Konbinis (コンビニ, aus dem Englischen: "Convenience store"), das sind kleine Läden, die in der Regel rund um die Uhr und an jedem Tag offen haben. Hier gibt es alles zu kaufen, was man fürs Überleben braucht, zudem verfügen diese Läden meist noch über weitere Annehmlichkeiten wie Geldautomaten, die sogar internationale Kreditkarten akzeptieren. Kurz: Mit so einem Laden in der Nähe ist das Überleben auf unbestimmte Zeit gesichert. Der Nachteil ist allerdings der Aufpreis, den man für einen solchen Luxus bezahlt. Billig bekommt man hier nämlich im Vergleich zu den weitaus größeren Supermärkten fast nichts.

Mein erster Probeeinkauf, Überlebensset für den nächsten Tag.


Aber für meinen ersten Probeeinkauf soll das mal reichen. In meinem Körbchen sind gelandet: Eine Packung Fertig-Rāmen (ラーメン, japanisches Nudelgericht), kalter grüner Tee, Müsli, Milch und eine Packung Maki-Sushi (gerolltes Sushi), weil ich noch Hunger hatte. Viel Spektakuläres gibt es darüber und über den Besuch des viel größeren und viel günstigeren Supermarkt am nächsten Tag gar nicht zu berichten, außer dass man, will man sich "westlich" verpflegen, einen etwas größeren Geldbeutel braucht. Die grobe Faustregel könnte lauten: Alles was man schon von Zuhause kennt, kostet 2-3 mal so viel, als man gewohnt ist ;) So schlimm ist es natürlich nicht in jedem Fall, aber oft genug passt das ganz gut so. Dennoch muss man nicht auf Gewohntes verzichten. Ich habe natürlich schon rausgefunden, dass auch japanische Schokolade sehr lecker ist! Für Milch muss man zwar pro Liter im Schnitt 180円 (~1,75€) hinlegen, wenn es nicht die fettarme sein soll, irgendwo findet man dann dafür doch noch günstigeres Müsli/Cornflakes. Der große Preisschock bleibt jedenfalls, finde ich, aus. Fleisch, Obst und Gemüse aller Art ist ebenfalls erschwinglich wenn man sich umsieht, und keinesfalls immer so horrend teuer wie es mancherorts behauptet wird.
Eine interessante Randbemerkung, weil es zu diesem Thema passt: In Japan gibt es die Tradition des Omiyage (お土産, Mitbringsel von einer Reise), gemäß der man immer dann Geschenke mitbringt, wenn man sich auf einen mehr oder weniger langen Ausflug, eine Reise, einen Urlaub etc. begeben hat. Ein Skiausflug reicht da auch schon ;) Und so wurde während der Rückreise an einer Örtlichkeit gehalten, die sich nur dieser Tradition des Geschenke-Kaufens verschrieben hat. Diese Läden gibt es im Übrigen überall, wo es was zu sehen oder zu bereisen gibt, damit auch jeder die Möglichkeit hat, sich entsprechend auszustatten. Oft sind die Geschenke essbar und symbolisieren im Optimalfall auch den Ort, von dem man zurückgekehrt ist. In dieser Omiyage-Oase jedenfalls gab es so ziemlich alles, was nur im entferntesten mit Äpfeln zu tun hat, und eben auch die Äpfel selbst. Das besondere daran: Das waren möglicherweise die teuersten Äpfel, die ich je gesehen habe, ein Exemplar hat da locker mehr als 10€ gekostet, und aus sicherer Quelle weiß ich, dass das nur Peanuts sind gegen andere Preiskategorien... solche Äpfel, oder Früchte im Allgemeinen werden allerdings auch nur für diesen Zweck, das Verschenken, gezüchtet und müssen dementsprechend perfekt aussehen, daher der hohe Preis.

Eine Auswahl der teuren Geschenk-Äpfel. Hier gibt es 2kg für günstige etwa 33€ :)


Anfang der Woche wurde mir die Ehre zuteil, "Lehrer" spielen zu dürfen: Ein Mitglied des Labors musste eine kurze mündliche Prüfung über sich ergehen lassen, das ganze auch noch auf Englisch, und so wurde ich kurzerhand auserwählt, ein wenig Unterstützung zu leisten beim studenten-internen Probe-Prüfen. Jedenfalls lief die tatsächliche Prüfung gut und die Studentin hat bestanden, puh!
Noch am gleichen Abend ging es mit dem Auto ins Aeon, ein riesiges Einkaufszentrum einige Minuten entfernt vom NAIST. Hier gibt es wahrscheinlich alles zu kaufen, was man sich denken kann, ein wahres Konsumparadies! Der Grund unseres Ausflugs war jedenfalls nicht der Konsumrausch, sondern unser Dinner, und das fiel bei mir diesmal, ich konnte nicht widerstehen, auf ein echtes, saftiges Steak. Und es war gut, richtig gut! Ganz besonders fasziniert hat mich die Darreichungsform: Serviert wurde ein quasi-rohes, vorgeschnittenes stäbchentaugliches Steak in einer glühend heißen Metallform. So konnte man selbst also frei entscheiden, wie durch man sein Fleisch nun haben möchte. Mein Urteil: Genial!

Steak-Essen im Aeon. Kano-san und Moriguchi-san hatten Ramen :)


Auf dem Weg zum Bahngleis Richtung Institut fand ich Mitte der Woche eine Gruppe pausenlos und lauthals rufender, junger Männer im Bahnhofsgebäude vor, die kleine Päckchen an vorbeilaufende Passanten verteilt haben. Ein solches Päckchen habe ich ebenfalls freiwillig angenommen und genauer inspiziert. Auf der Oberseite steht "Ich werde groß werden!", in Inneren befinden sich drei Sonnenblumenkerne in einem Tütchen. Von meiner Betreuerin habe ich erfahren, dass es sich bei den jungen Männern wohl um eine religiöse Gruppe der Tenrikyō handelt, ein interessanter Fakt, nachdem ich zuvor eher vermutet habe, es könnten junge Studenten oder Schulabgänger sein, die sich auf diese Weise Mut ansammeln oder ähnliches.
Die Sonnenblumenkerne jedenfalls sind in den Besitz meiner Betreuerin übergegangen, da sie einen einen winzigkleinen Garten auf dem Campus pflegt und sich über jeden "Neuzugang" dort freut und die Kerne frühestens im April eingesetzt werden sollten, so hat es das Päckchen uns verraten. Bei diesem Ereignis darf ich dann auch dabei sein ;)

Vom 07. bis heute, den 10. fanden am NAIST das sogenannte Spring Seminar sowie der Open-Campus-Tag statt, quasi einem Tag der offenen Tür für Interessierte. So war das Institut über diese Tage immer gut besucht von interessierten Schulabgängern und angehenden Studenten, um sich die Forschungsbereiche anzusehen und erklären zu lassen. Die Arbeitsbereiche aller Forschungsgruppen haben dafür Poster angefertigt und Vorträge ausgearbeitet, sowie Experimente vorbereitet, die sie in den Laboren oder im Erdgeschoss in den Gängen und Räumlichkeiten vorstellen konnten. Eine tolle Sache war natürlich auch das Riesenbuffet an einem der Tage ;)

Interessierte zukünftige Studenten und Labor-Mitglieder im AHC-Lab (Augmented Human Communication).

Riesenbuffet an einem der Spring Seminar-Tage.


Gestern Abend hieß es dann ab nach Ōsaka, die japanische Konzert-Feuertaufe steht an! Ein Vorverkaufsticket konnte ich mir leider nicht mehr ziehen an einem der superpraktischen Konbini-Alleskönner-Automaten. Denn Tickets kaufen ist generell eine sehr bequeme Sache hier: Neben der Möglichkeit, sich online zu versorgen kann man sich seine Tickets in Konbinis an speziellen Automaten drucken lassen und bequem im Laden bezahlen. Ein Service, den ich wohl noch ausgiebig nutzen werde...
Diesmal jedoch war ich zu spät dran, also hieß es, sicherheitshalber noch per e-Mail reservieren, denn beim Verpassen dieses Gigs hätte ich mich sicher grün und blau geärgert. Die aufspielenden Bands waren allesamt völlig unbekannte japanische Gruppen, zwei habe ich bereits zuhause in Deutschland ausgiebig gehört und für exzellent befunden. Also war der Konzertbesuch Pflicht!
Rein nach Ōsaka war absolut kein Problem, wie schon erwähnt ist das Verkehrsnetz hier exzellent ausgebaut. Angekommen in der Riesenstadt wird man erstmal überwältigt von der Schar an Menschen, die da rumwuselt. Als ich die ein oder andere Straße entlanglief, dachte ich mir, da muss wohl gerade eine Bahn angekommen sein und alle strömen raus. Aber nein, die Straßen waren einfach überall so voll! Also ab durchs Gewusel Richtung Fandango, der Lokalität des bevorstehenden Konzertvergnügens. Kein Problem mit der digitalen Karte in der Hand, aber ohne wäre ich hoffnungslos verloren gewesen. Eine doofe Idee war, auf die letzte Station zu verzichten, denn das kleine Stück hat sich dann doch noch gut gezogen, unter anderem ging es über eine vierspurige Brücke, eine Einbahnstraße, wohlgemerkt! Der Fluss Yodo ist zig-fach überzogen mit Brücken, was im Zwielicht des schwindenden Tages leider nicht allzu schön ausgesehen hat. Im Allgemeinen habe ich mich derweil direkt von den Hochhaus-Ecken entfernt und bin in ein Gebiet marschiert, das schon eher den Flair eines Hafenviertels versprüht. Und der Eindruck hat dann, so hat sich herausgestellt, auch ganz gut gepasst. Vorbei an einem Kapsel-Hotel - Japan-Klischee Nummer Eins - und kurz darauf an etlichen Love-Hotels - Japan-Klischee Nummer Zwei - gings durch gut besuchte, bunt glitzernde, blinkende, laute Seitengassen, bis irgendwann das Fandango vor meiner Nase auftauchte.

Ein Capsule-Hotel mit bereits abenteuerlicher Fassadengestaltung.

Der Eingang des Fandango, mitten in Jūsō.


Meine Reservierung hat geklappt, juhu! Also rein, und direkt hab ich mich heimisch gefühlt! Und das, obwohl ich wirklich der absolut einzige "Westler" in dem Laden war! Das hat sich mit einem späteren Besucher dann zwar geändert, trotzdem war man zwischen der Schar an Japanern - hier zum größeren Teil jungen Frauen - der Exot. Und vor allen war ich so groooß! Unglaublich aber wahr, auch wenn man die ganze Zeit eher nur gewitzelt hat, aber in der Tat verschafft mir die japanische Durchschnittskörpergröße von 1,70m hier grandiose Vorteile. Ja, ich konnte locker über 90% der Köpfe im Raum hinwegsehen, ein Traum! So direkt vor der Bühne stehend hatte ich tatsächlich schon ein schlechtes Gewissen, dass ich jemandem die Sicht stehle...
Der Laden an sich ist ein Bilderbuch-Alternativschuppen für alles was rumpelt, poltert und Spaß macht und gegen die Obrigkeit rebelliert: Die Wände sind vollgepinselt mit Bunter Farbe, zutapeziert mit (teils handgemalten) Konzertplakaten, überall liegen Flyer rum, an der Theke gibt es Flüssiges aller Art. Ich konnte nicht widerstehen und habe zum irischen Klassiker gegriffen, ein Getränk ist auf japanischen Konzerten sowieso automatisch in den Eintrittspreis mit eingerechnet.
Die Running-Order des Abends war:

Sentimental Toy Palette
Cathy lost one's apricot yesterday
きのこ帝国 (Kinokoteikoku)
the cabs

Ja, extravagante Bandnamen sind offensichtlich Trumpf! Zu viel möchte ich an der Stelle gar nicht über die Auftritte schreiben, denn das würde den Rahmen sprengen, aber es waren allesamt klasse Bands! Mein Hauptgrund des Besuchs waren きのこ帝国, und es war einfach super, ich wurde restlos zufriedengestellt. Bilder konnte ich übrigens problemlos mit der Spiegelreflex schießen, nur bei the cabs stupste mich von hinten plötzlich ein japanisches Fräulein an (die ich dem Band-Begleitteam zuordnete) und winkte leicht energisch mit dem erhobenen Zeigefinger. Na gut, dann halt nicht...
Shopping musste bei der Gelegenheit natürlich auch sein, und so wurde sich ordentlich an Tonträgern eingedeckt, man ist ja nicht alle Tage an der Quelle!

 Sentimental Toy Palette 

Cathy lost one's apricot yesterday 

きのこ帝国 

Und nochmal  きのこ帝国


Hmm, herkommen hat ja gut geklappt, jetzt muss das ganze nur noch genauso gut in die andere Richtung klappen. Beim Rausgehen wurde mir nochmal ein ganzer Stapel Flyer in die Hand gedrückt, zusätzlich zu den Massen, die ich beim Betreten erhalten habe. Ich bin nun also voll informiert über den Ōsaka'er Underground ;)
Was mich ein bisschen unvorbereitet getroffen hat, waren zwei Damen, die mir kurz nach Verlassen des Veranstaltungsortes beim Vorbeilaufen "irgendwas" für umgerechnet knapp 30€ anbieten wollten. Was dieses irgendwas war, habe ich nach ein paar verwirrten Millisekunden ob der Sprachbarriere anhand deren Outfits abgeleitet. Dann dämmerte mir auch so langsam, wo ich hier gelandet bin ;) Jūsō, so der Name des Stadtgebiets, ist laut Nachrecherche bekannt für außerordentlich gutes Essen, und für sein Rotlichtviertel. Ups. Also ab mit etwas schnellerem Schritt Richtung der Bahnstation, die ich bei der Hinfahrt ausgelassen habe. Dabei bin ich durch allerlei Seitengassen und auch größere Straßen gekommen, die deutlich machen, dass hier das Nachtleben wirklich zelebriert wird. Weiterer interessanter Anblick waren die vielen kleinen Hütten bzw. Häuschen, die nahtlos in die Hohlräume unter den Straßen- und Bahnbrücken gezimmert wurden. Hier findet sich ein buntes Allerlei aus Läden und Pubs.
Die Bahnstation endlich gefunden, reiht man sich ein in den dichten Strom von Leuten, die auch nach Hause, oder viel eher, in die nächste angesagte Ecke fahren wollen. Die Bahnstationen und Bahnen sind voll von Leuten, es wuselt an jeder Ecke. Interessanter Fakt: An japanischen Bahnhöfen stellt man sich vor Einfahrt des Zuges an den Positionen der Türen brav in Doppelreihen auf, damit ein geordnetes Ein- und Aussteigen ermöglicht wird. Dafür gibt es extra Markierungen auf dem Boden. Diese Schlangenbildungen sieht man bei einer solchen Menschenansammlung besonders gut, ein Drängeln gibt es hier (so der Anschein) nicht, egal wie voll es ist.
Je weiter ich Richtung Ikoma komme, desto ruhiger wird es. Ōsaka ist crazy! Und das waren erst die ersten Stunden, die ich dort verbrachte.

Dienstag, 6. März 2012

Wenn Schlafen in sich bewegenden Dingen olympische Disziplin wäre...

...wären die Japaner Weltmeister darin.

Aber erstmal einen Schritt zurück: Wo bin ich denn nun überhaupt? Ich biiin genau...

... hier! (Zum Vergrößern klicken)


"Hier" heißt: Ich wohne momentan in einem Apartment in Ikoma, einem süßen kleinen japanischen Städtchen mit 120.000 Einwohnern. Auf dem Land also. Hihi, naja, so "schlimm" ist es natürlich nicht ;) Ikoma befindet sich in der Präfektur (japanisches "Bundesland") Nara. Die Präfektur Nara wiederum ist Teil des Gebiets Kinki (das ist der verwaltungstechnische Name) bzw. Kansai (das ist der kulturlandschaftliche Name). Und das Gebiet Kansai liegt im Westen der großen Hauptinsel Japans, Honshū. In unmittelbarer Nachbarschaft Ikomas liegen die Metropolen Ōsaka, Kyōto, Kōbe und Nara, insgesamt tummeln sich in diesem Großraum fast 23 mio. Menschen! Die Präfektur Nara hat unter den Japanern den Ruf, insgesamt ein etwas ruhigeres Gemüt zu besitzen. Und das ist genau mein Ding! Mit jedem Tag bin ich froher, hier aufgeschlagen zu sein als in einer der immerwachen Megacities. Hier gibt es Hügel und kleine Berge, Flüsse, Wald, freie Flächen, also alles was ich zum Leben so brauche ;) Dennoch muss man auf absolut nichts verzichten, mit dem perfekt ausgebauten Verkehrsnetz kommt man in jeden noch so kleinen Winkel.
Wenn ich mehr über diese Gegend hier gelernt habe, möchte ich noch mehr dazu schreiben, denn das Kansai-Gebiet ist aufgrund seiner historischen Relevanz eines der absolut wichtigsten Landstriche Japans. Man kann sogar behaupten, hier hat Japan seinen Ursprung (und an dieser Stelle schiele ich gaaanz unauffällig Richtung Blog-Untertitel...)
Mein Apartment werde ich insgesamt nur zwei Wochen lang bewohnen, danach werde ich umgesiedelt in das zum NAIST zugehörigen Gästehaus.

Nun aber weiter mit dem zweiten Tag bzw. Wochenende:

Denn es ging gleich mit Vollgas weiter, keine Zeit, überhaupt an ein kurzes Zu-sich-kommen zu denken! Um 7 aufgewacht, war ich doch schon ein bisschen stolz, nicht allzu sehr am Jet zu laggen, meine Strategie ging anscheinend auf ;)
Also ab ans NAIST und versuchen, ein bisschen produktiv zu sein. Hätte ich nicht den falschen Adapter eingepackt, hätte das sogar geklappt. So habe ich mir mein neues Umfeld einfach ein bisschen genauer angesehen und mich detailliert in die Geheimnisse des Mensa-Besuchs einweihen lassen. Meine rudimentären Fähigkeiten an den Essstäbchen wurden zwar gewürdigt, allerdings auch gleich für verbesserungsbedürftig empfunden und einem Korrekturversuch unterzogen. Aber um ehrlich zu sein, ich brauch noch ne Weile, bis ich beim essen so locker aussehe wie meine Lehrmeister. Wie die das nur machen?

Gegen Abend hieß es Koffer - oder viel eher Rucksack - packen, der Berg ruft! Auf ausgerechnet für mich dieses erste Wochenende in Japan wurde der alljährliche Labor-Ski-Ausflug gelegt. Und da man sich nicht lumpen lassen will, muss es für die zwei Tage schon das Skigebiet sein: Das Shiga-kōgen-Areal in der Präfektur Nagano erhielt spätestens 1998 weltweite Berühmtheit, als es Schauplatz der Olympischen Winterspiele wurde. Hier säumen sich mehr als 70 Lifte und 100 Hotels in einer atemberaubend schönen Alpenlandschaft.

Moi, Kano-san, Moriguchi-san und Takamichi-san im Nachtbus gen Osaka. Ja, ich hätte meinen Mund zumachen sollen :)


Aber da muss man erstmal hinkommen. Und das heißt, irgendwie 450 km hinter sich bringen, am besten Studentenbudget-freundlich. Und das bekommt man am besten hin mit den in Japan allseits beliebten Nachtbussen. Unser Nachtbus fuhr von Ōsaka aus ab, also erstmal rein in die Bahn und ab nach Namba, einem Stadtteil dieser Riesenstadt. Und hier kommen wir auch schon zur in der Überschrift olympiareifen Disziplin: Dem Instant-Einschlafen, sobald man durch die Zugtür getreten und einen Sitz- oder Stehplatz eingenommen hat. Ja, Japaner können auch im Stehen schlafen. Aber nicht nur die Kür an sich, auch die unglaubliche Synchrondarbietung kann beeindrucken: In einem Zugabteil kann schonmal gut und gerne 70% weggenickt sein. Weil ich das so genial fand, hab ich das auch gleich mal ausprobiert, und siehe da, es hat geklappt. Irgendwann war ich tatsächlich weggenickt und musste kurz vor Namba sanft von Hiraoka-san aus dem Schlaf gestupst werden. Ok ok, ich hab ja mit meinem 11 Stunden-Flug auf dem Defizitkonto auch ein bisschen geschummelt...
In Osaka angekommen, hat mich Kano-san darauf aufmerksam gemacht, dass es kein Frühstück geben wird und Selbstverpflegung angesagt ist. Für den Abend wurde natürlich auch noch was gesucht, und an einer Sraßenecke in einigen schmalen Seitengassen wurden wir auch fündig: Es gab Takoyaki (たこ焼き, frittierte Oktopusbällchen), oder, wie ich es gerne nenne, glühende Lava. Diese Oktopusbällchen werden in speziellen Förmchen zurechtgeformt und gebraten. Mögen diese Dinger von außen temperaturtechnisch genießbar erscheinen, bricht im Mundraum das Höllenfeuer los! Takoyaki sind während des Essens so ultraheiß, dass man sich so ziemlich alles verbrennen kann, das in der Lage ist, Schmerz zu empfinden. Und irgendwie glaube ich, ist das genau der Grund, warum dieses Gericht so beliebt ist ;) Trotzdem das Essen eine wahre Herausforderung ist, schmecken die Bällchen sehr sehr gut!

Nach der Verproviantierung mit Onigiri (御握り, mit getrockneten Algen umhüllte Reisbällchen) und kaltem grünem Tee gings los mit dem Nachtbus Richtung Nagano. Noch in Osaka stieß ein Amerikaner deutscher Abstammung zu uns, der seit sieben Jahren in Japan lebt und am NICT beschäftigt ist, d.h. zum Bekanntenkreis meines japanischen Professors gehört. Er sollte für dieses Wochenende eine sehr wichtige Hilfe und Anlaufstelle bei jeglichen Kommunikationsproblemen sein! Die Busfahrt hat gute zehn Stunden gedauert, und diesmal hat das mit dem Schlafen nicht so gut geklappt. Die Mitinsassen haben in ihrer Paradedisziplin natürlich fantastisch brilliert :)
Nach der Ankunft in Nagano und vor dem Anfahren des Ziels wurde ein kleiner Zwischenstopp notwendig: Ohne Schneeketten geht hier gar nichts. An unserem Hotel mit dem schönen Namen Kodama (dt.: Echo) angekommen, hat sich die Landschaft bereits in ihrer vollen Schönheit bei sich verziehenden Wolken und durchkämpfender Sonne gezeigt. Was man hier vorfindet ist eine Alpenlandschaft mit vielen kleinen Bergen, die allerdings weitaus weniger zusammengerückt und schroff wirken wie jene unserer bekannten Alpen. Die Gipfel sind hier vielmehr deutlich erodierter und bilden einen sanften Gipfelkamm.

Kurz, bevor die Wolkendecke aufreißt. Im Vordergrund Graham-san.
 Blick ins Tal nach den ersten paar Abfahrten.
Odagaki-san und Moriguchi-san schon völlig routiniert!
Graham-san auf einer der größeren Abfahrten.


Jetzt war Skifahren angesagt! Also ab zum Ausrüstungsverleih, den Skipass besorgt und ab gehts. Die ersten paar Runden habe ich mit Moriguchi-san und Hiraoka-san gedreht, beides blutige Anfänger, die allerdings noch wahre Wunder vollbringen sollten! Gegen Nachmittag habe ich meine Runden mit Graham, dem Amerikaner, gedreht, bis dann auch mein Professor plötzlich die Pisten stürmte, gemeinsam mit Bekannten anderer Institute. Das also war dann die Gruppe, mit der ich die schwarzen Pisten unsicher machen durfte ;)
Gut ausgepowert sollten einige wohltuende Minuten in einem typischen japanischen Bad (銭湯, Sentō) auf das Abendessen vorbereiten. Nach einem solchen Bad zieht man für gewöhlich einen Yukata an, ein leichter Alltagskimono, der u.a. auch als Schlafanzug dient. So eingekleidet bewegt man sich ganz normal in der Hotelanlage, besucht so also auch das Abendessen. Ja, davon gibt es Bilder, nein, ich bin nicht in deren Besitz ;) Zum Abendessen wurde Sukiyaki (すき焼き) aufgetischt: In der Mitte des Tisches steht ein beheizter Topf, in welchem Sojasoße zum kochen gebracht und diverse Dinge wie Fleischstreifen und Gemüse geköchelt wird. Dazu gibt es weiteres Allerlei wie Sashimi (刺身, aufgeschnittener roher Fisch) oder weitere Gemüsearten. Völlig gesättigt hat man sich in die traditionell japanischen Zimmer begeben und sich in seinen auf dem Boden ausliegenden Futon gekuschelt. Und ja, es war sowas von gemütlich!

Traumhafter Ausblick am zweiten Tag.
Die Pro-Gruppe rund um den Professor, der die Pisten im Schlaf runterzackert!
Blick auf die Gipfelkämme des Shiga-Kogen-Areals.
Perfecter Course ;)


Der zweite Tag wurde genutzt, um ausgiebig den "Giant Course" abzufahren, also der Ort, der Anno 1998 Schauplatz des olympischen Riesenslaloms war. Hier ist auch der Schauplatz des oben genannten wahren Wunders: Moriguchi-san, der zu diesem Zeitpunkt etwa 8-10 Stunden Skierfahrung gesammelt hat, fuhr doch glatt den Giant course runter, ohne auch nur einmal zu stürzen! Und das will was heißen, die Piste hat es nämlich in sich! Auch an diesem Tag sollte ein heißes Bad den Abschluss bilden, diesmal ging es aber in ein Onsen (温泉). Der Unterschied ist, dass das Wasser hier aus einer heißen Quelle im Erdboden stammt. In diesem Fall sprudelte das Wasser mit über 90° aus der Quelle und wurde deshalb auf erträgliche 46° runtergekühlt. Mit dem Nachtbus ging es anschließend wieder nach Hause gen Nara-Präfektur.

Zwei Torii (鳥居) mitten in einem kleinen Waldstück auf der Piste. Hier wohnt ein Gott.


Wie man an der Länge des Textes sieht, waren diese 2 Tage Skifahren vollgestopft bis obenhin mit Erfahrungen, die ich mir in dieser kurzen Zeit garantiert nicht vorgestellt hätte machen zu dürfen! Ein Wochenende, das einem den Atem verschlagen kann...